Sport : Wir Schweinejournalisten (Glosse)

Helmut Schümann

Heute mal wieder ein Stückchen Schweinejournalismus. Ist ja eh klar, dass wir alle, die so schreiben und mit Kamera und Mikrofon aus den Dingen des Lebens berichten, Schweinejournalisten sind. Alles andere als Lügen zu verbreiten, wäre ja auch langweilig. Ein Beispiel: Als unlängst die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ein super-tolles, sensationelles, traumhaft schönes Länderspiel gegen die Schweiz gespielt hatte, da haben wir davon nichts geschrieben. Statt dessen nur Kritik geübt, herumgemäkelt an den Spielern und auch ihren Trainer, den super-tollen, sensationellen, traumhaft kompetenten Erich Ribbeck, nicht verschont.

Das hat er sich gemerkt. Und jetzt uns Schweinejournalisten die Schuld gegeben, dass Franz Beckenbauer gesagt hat, er, Ribbeck, wolle nach der EM zurücktreten vom Amt. Will er nämlich gar nicht, und Beckenbauer wusste davon nichts, sondern, so stellt Ribbeck richtig, "hat das nur irgendwo gelesen". Ist klar, ja, stand überall, zum Beispiel im, hm, jetzt finden wir gerade die Quelle nicht. Aber egal, hat irgendwo gestanden, und Beckenbauer hat nur dummes Zeug nachgeplappert.

Aber so sind wir Schweinejournalisten eben: erfinden irgendetwas und schreiben es dann noch nicht einmal auf. Damit der Beckenbauer es anschließend zitieren kann. Das muß sich ändern, wir fangen gleich damit an. In Wahrheit war es nämlich so: die Schweizer wurden mit 9:1 vom Betzenberg gefegt, davor konnten unsere tollen Jungs in Kroatien, trotz widriger Umstände, mit 4:0 erfolgreich Revanche nehmen am WM-Dritten, und noch davor haben sie den Holländern gezeigt, was eine Harke ist. Das Ergebnis, 17:0, war marginal, wichtiger war, dass die Holländer nicht ein einziges Mal an den Ball kamen.

Und weiter: Dass Franz Beckenbauer gestern darauf beharrte, das Rücktrittsansinnen so aus Ribbecks Mund gehört zu haben, basiert auf seinem Altersstarrsinn. Dass der eine oder andere FC-Bayern-Chef aus nämlichem, in Berlin stattgefundenem Gespräch mit Ribbeck auch berichtet, der Teamchef wünsche "erst noch die Früchte seiner erfolgreichen Arbeit zu ernten", ist auch falsch. Das Gespräch hat nämlich nie stattgefunden, in Berlin schon mal gar nicht, weil es Berlin gar nicht gibt.

Schließlich: Die deutsche Mannschaft spielt so gut wie noch nie. Sie ist haushoher Favorit für die EM. Jeder einzelne Spieler ist hochmotiviert. Und ihr Chef, Erich Ribbeck, präsentiert sich voller Klasse, weiß stets, was er will, was er tut und was er sagt. Ist doch wahr!Aus der Serie "Im Spiegel des Tages"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben