Sport : Wir sind dann mal am Strand

Wenn England die Mutter des Fußballs ist, dann ist Brasilien der Vater. Bei ihm zu Hause findet die Weltmeisterschaft 2014 statt, das ist seit Dienstag klar. Wir haben einen Tag in Brasilien verbracht.

Ingo Schmidt-Tychsen[Rio de Janeiro]

Morgens, Recife. 1,5 Millionen Einwohner, Nordosten. Zwischen der Straße und dem Strand liegen hier staubige Fußballfelder. Eines neben dem anderen, die Küste entlang. Ab zehn Uhr rollt der Ball. Schulkinder spielen elf gegen elf. Mit Leibchen, aber barfuß, versteht sich – Schuhe kann sich hier keiner leisten. Die löchrigen Tornetze bringt der Lehrer mit. Ab dem späten Nachmittag kommen die Männer auf den Platz. Ebenfalls barfuß und mit Leibchen. Es gibt feste Mannschaften, die in kleinen, privat organisierten Ligen gegeneinander antreten. Ob man mitspielen darf? „Nein, das hier ist zu wichtig. Frag doch mal unten am Strand“, sagt der Torhüter. Alle Plätze an der langen Promenade sind belegt.

Mittags, Natal. 700 000 Einwohner, Nordosten. Es findet ein regionales Punktspiel statt. 75 Zuschauer. Die Fans sind entspannt, obwohl keine Tore fallen. Beim Futevolei wird übers Netz gespielt. Zwei gegen zwei. So ähnlich wie Beachvolleyball, nur eben ohne Hände. Jeder in Brasilien kennt Futevolei. Und jeder spielt es. Der Sport wurde in den Sechziger Jahren an den Stränden von Rio de Janeiro erfunden. Die Futevolei-Spieler sind nicht entspannt. „Wir sehen vielleicht locker aus, aber gewinnen wollen wir immer“, sagt Conrado aus Natal. Er ist fünfzig Jahre alt. Sein Team verliert in zwei Sätzen. Ein bisschen lockerer geht es direkt am Wasser zu. Vier Spieler stehen im Kreis. Wie beim Futevolei darf der Ball nicht in den Sand fallen. Ansonsten gibt es keine Regeln. Naja, elegant und cool sollte man dabei schon aussehen. Das Spiel ist in Brasilien mindestens genauso beliebt wie Futevolei. Besonders bei Frauen.

Nachmittags, Belo Horizonte. 2,4 Millionen Einwohner, Südosten. Auf sechs Seiten wird das Spiel in der Tageszeitung „Estado de Minas“ angekündigt, seit einer Woche gibt es kein anderes Thema. Cruzeiro Belo Horizonte spielt gegen Atletico Mineiro, ein Erstligaspiel. Die Anreise ist ein bisschen schwierig. Zweieinhalb Stunden Stau rund um das Stadion. Aber es lohnt sich: Etwa 70 000 Zuschauer passen in das „Mineirao“ - es ist ausverkauft. Der Getränkeverkäufer schubst sich durch die Ränge, anders kommt er hier nicht durch. Die Fans stehen Schulter an Schulter. „Agua, agua!“, brüllt der untersetzte und heftig schwitzende Verkäufer. Ein Wasser, bitte! Es sind über 30 Grad. Cruzeiro liegt schnell 0:2 zurück, gewinnt nach packendem Spiel aber noch 4:3. Größere Ausschreitungen gibt es nach dem Spiel überraschenderweise nicht.

Abends, Ilha Grande. 3000 Einwohner, Südosten. Ilha Grande ist eine kleine, grüne Insel nahe Rio de Janeiro. Autofahren ist hier verboten. Die Bewohner leben von Tourismus. Fast jeden Abend wird auf dem kleinen Platz am Strand gespielt. Unter Flutlicht. Brasilianer gegen den Rest der Welt. Heute besteht der Rest der Welt aus Deutschen, Briten und Holländern. Schon vor dem Spiel wird klar gemacht, wer es technisch wirklich drauf hat. Touristenführer Marco schlenzt den Ball mit dem Außenrist ins Tor. Auch im Spiel zaubern die Einheimischen wie verrückt – und die Europäer gewinnen klar. Marco ist sauer. „Wir sind fünf Mal Weltmeister geworden. Das ist mehr, als ihr alle zusammen“, sagt er. Das ist nicht ganz richtig gerechnet, was die Europäer großzügig verzeihen, denn sie bleiben die ganze Woche lang ungeschlagen.

Nachts, Rio de Janeiro. Sechs Millionen Einwohner, Südosten. Es ist kurz nach Mitternacht, ein Mittwoch. Flutlicht brennt über dem Kunstrasen. Ein Tourist bleibt ungläubig stehen. Was ist das denn? Zwei Mannschaften, ein Schiedsrichter, ein ganz normales Fußballspiel zu eher ungewöhnlicher Zeit, kurz nach Mitternacht. „Wir sind Schichtarbeiter und haben unsere eigene kleine Liga aufgemacht. So kurz nach der Arbeit kann doch eh noch keiner schlafen, da spielen wir lieber“, sagt Rafael, der auf der Auswechselbank sitzt. Um halb zwei ist sein Spiel zu Ende. Die nächsten beiden Mannschaften warten schon.

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