Sport : Wir sind das Volk

Beim Marathon feiert New York ein Fest der Toleranz im politisch gespaltenen Amerika

Mathias Klappenbach[New York]

Am Times Square in Manhattan hängt noch das große Plakat. „Vote or die“, wähl oder stirb. Vor einer Woche haben so viele Amerikaner wie nie zuvor über ihren neuen Präsidenten abgestimmt, das Land ist politisiert und streitet über seine Zukunft. Man steht auf der einen oder der anderen Seite, man zeigt das gerne und oft.

Am Sonntag haben sich beim Marathon in New York so viele Menschen durch die Stadt gekämpft wie noch nie. Weltweit ist dieser spektakuläre Lauf im Fernsehen zu sehen gewesen, die 37 257 Teilnehmer und mehr als zwei Millionen Menschen an der Strecke sind eine große Demonstration. Die Zuschauer halten Tausende von Schildern in die Höhe, auf die sie Botschaften geschrieben haben. Doch feiert irgendjemand den Gewinner oder den Verlierer der Präsidentenwahl? Macht sich einer über George W. Bush oder John Kerry lustig?

Auf den Schildern steht „Run, Debbie, run“ oder „Lisa, you will make it“. Ein Marathonlauf ist ein großer Tag der kleinen Geschichten, und mit dem Sieg von Paula Radcliffe kam noch eine große sportliche dazu. Dennoch hätte man erwarten können, dass zwischen den als Bat-, Super- oder Spiderman verkleideten Läufern auch eine Bush-Maske oder ein Kerry-Kopf zu entdecken ist. Doch wenn man die Zuschauer danach fragt, winken sie ab. An diesem warmen Novembertag, dem „besten des Jahres“, wie es später in den Medien heißt, demonstrieren die Massen auf und an der Strecke für sich selbst und für die Stadt, die sich einen Tag in eine lachende Metropole verwandelt. Ihre Bürger nutzen die Gelegenheit, um öffentlich Herz und Toleranz zu zeigen in einem zuletzt als gespalten beschriebenen Amerika.

Sogar in der South Bronx, in der auswärtige Besucher selten freundlich empfangen werden, wird das Sportfest zum Volksfest. Die Menschen lassen sich unterhalten. Im Gegensatz zu den vielen Künstlern aus Hollywood oder der Musikbranche, die sich im US-Wahlkampf offen engagiert haben, hat sich kaum ein prominenter US-Sportler zu politischen Dingen geäußert.

Zwei Tage nach der Wahl gab die Popband R.E.M., die im Wahlkampf Werbung für John Kerry gemacht hatte, ein Konzert im Madison Square Garden. Als der Sänger Michael Stipe eine kleine Anspielung auf den wahlentscheidenden Staat Ohio macht, buht das Publikum in der Stadt, die bei der Präsidentenwahl traditionell für den Kandidaten der Demokraten stimmt. Zwei Tage später wird an gleicher Stelle das Basketball-Team der New York Knicks ausgepfiffen – weil es im ersten Heimspiel der Saison katastrophal gespielt hat. Gegen die Celtics aus Boston, der Stadt, aus der John Kerry kommt. Verloren gegen das Team aus der Stadt des Verlierers.

Dennoch, kaum einer der 20 000 Fans, die in den vergangenen Wochen mehr über Kerry und Boston gehört und gesehen haben als je zuvor, will eine Parallele zwischen dem Frust über das Spiel und der – jedenfalls mehrheitlichen – Enttäuschung über den Wahlausgang ziehen. Die Tagespolitik ist weit entfernt vom Spitzensport. Auf den Straßen New Yorks, bei der Riesenparty Marathon, ist zu beobachten, dass sportliche Unterhaltung erstklassig sein kann – gerade auch weil sie unpolitisch ist. Jeder der mehr als 20 000 Amerikaner unter den Teilnehmern, der sich auf den Weg von Staten Island zum Central Park gemacht hatte, war hier sein eigener Präsident.

Den meisten Beifall beim Spiel der Knicks gegen die Celtics erhielt übrigens ein Opernsänger, der vor dem Spiel die Nationalhymne intonierte. Seine dramatische Stimme ging im Jubel unter, bevor er zu Ende gesungen hatte.

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