Sport : „Wir sind für eine Überraschung gut“

Hammerwerfer Karsten Kobs über die deutschen Chancen bei der WM, persönliche Ziele und die nächste Athleten-Generation

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Sie haben nach Ihrem WMSieg von 1999 bei den Top-Ereignissen immer hinterhergeworfen. Wie kommt es, dass Sie in diesem Jahr nach zwei Würfen über 80 m bei der WM zu den Medaillenfavoriten zählen?

Also erst mal eins: Ich zähle mich nicht zu den Titelfavoriten. Man kann mit 80 m bei der WM sicher was reißen, aber für mich geht es darum, eine gute Weite zu werfen. Wenn ich zwischen 80 und 81 m komme, dann ist das für mich eine gute Leistung. Wenn man damit Bronze gewinnt, freue ich mich, wenn ich damit Achter werde, na gut.

Die deutsche Leichtathletik kämpft um ihre Bedeutung im Fernsehen und bei den Sponsoren. Sie sind einer der wenigen deutschen Medaillenkandidaten. Sehen Sie sich als Hoffnungsträger einer ganzen Sportart?

Ich habe mir gesagt, wenn ich mal aufhöre, möchte ich für meine Disziplin etwas hinterlassen. Ich bin kein Lars Riedel, der hat als fünfmaliger Weltmeister eine Bedeutung für den ganzen Sport. Ich kann das nur für den Hammerwurf leisten. Aber ich spüre bei dieser Aufgabe keinen Druck.

DLV-Cheftrainer Bernd Schubert redet von sechs bis acht Medaillen bei der WM. Lehnt er sich zu weit aus dem Fenster?

Ach, das denke ich eigentlich nicht. Die Prognosen des DLV waren immer recht präzise. Natürlich gibt es manche Disziplin, in der für die Deutschen eine Überraschung drin ist. Mag sein, dass ein Medaillenkandidat versagt. Aber dann gibt es auch Athleten, deren starke Leistung völlig unerwartet kommt.

Sie sind fast 32 Jahre alt. Die meisten anderen deutschen Medaillenkandidaten sind auch schon sportliche Oldies. Kommt nach Ihnen sportlich eine verlorene Generation?

Ich habe einen ganz anderen Werdegang als viele andere. Meine Familie hat mich immer sehr gefördert. Viele andere schaffen es ja gar nicht, über das Juniorenalter hinaus Topleistungen zu bringen. Die kommen entweder nicht zur Bundeswehr oder haben sonst zu wenig Geld, um sich auf den Sport konzentrieren zu können. Ich hatte immer Sponsoren und einen Verein, die hinter mir standen. Da kann man den Sport ein bisschen länger betreiben. Ich habe auch keine Probleme, in Wettkampf-Felder zu kommen. Aber mein Teamkollege Markus Esser ist bei der Bundeswehr, der startet für Bayer Leverkusen, der hat optimale Bedingungen.

Stabhochspringer Tim Lobinger hat eine andere Erklärung für die schlechten Leistungen. Er sagt, es gibt zu viele Weicheier im deutschen Team, denen fehlt die Wettkampfhärte.

Ach, der Tim, der soll doch mal die Klappe halten. Das ist doch ein, na, ich sag’ es nicht. Kann ja sein, dass viele Athleten sich nicht trauen, sich der internationalen Konkurrenz zu stellen. Aber einer wie Ingo Schultz, der startet auch nicht so oft. Obwohl er gute Sponsoren und einen guten Verein hat. Und der ist trotzdem Vize-Weltmeister geworden. Vielleicht liegt ihm nicht viel am Geld, keine Ahnung. Aber die Förderung ist bedeutsam, das ist gar keine Frage. Ich kenne Tim doch noch als 65-Kilogramm-Wurst. Da hatte er noch keine Muskeln. Die konnte er sich auch nur antrainieren, weil er finanziell den Rücken frei hatte. Und jetzt ist er einer der weltbesten Stabhochspringer. Also, irgendwann nervt seine Polarisierung.

Ihnen wurde das Zitat zugeschrieben: „In der Welt und auch in Deutschland wird hemmungsloser gedopt als zuvor.“ Diese Aussage haben Sie später dementiert.

Ich fordere die bestmöglichen Kontrollen auf der Welt für jeden. Und Deutschland hat meiner Ansicht nach eines der besten Kontrollsysteme der Welt. Aber ansonsten möchte ich zu diesem Thema nichts mehr sagen.

Das Gespräch führte Frank Bachner .

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