Sport : „Wir sitzen ganz gut in der Nische“

Kaweh Niroomand, Manager des SCC, über Volleyball in Berlin, seine Fehler, seine bitterste Nacht und sportliche Perspektiven

Kraftvoll und zielorientiert. Der Volleyball-Bundesligist SC Charlottenburg (hier Viktors Korzenevics beim Aufschlag) hat sich vor der Saison gut verstärkt und steht auch deshalb in der Finalrunde um die deutsche Meisterschaft. Foto: camera4
Kraftvoll und zielorientiert. Der Volleyball-Bundesligist SC Charlottenburg (hier Viktors Korzenevics beim Aufschlag) hat sich vor...Foto: picture-alliance / Camera4

Pech, Herr Niroomand, vor acht Wochen haben Sie für dieses Wochenende einen Geschäftstermin in Dubai vereinbart. Sie hatten nicht mehr im Kopf, dass zeitgleich das erste Finalspiel um die deutsche Volleyballmeisterschaft stattfindet. Am Samstagabend spielte der SCC in Friedrichshafen – ohne Sie. Wie sehr ärgern Sie sich darüber?

Ich ärgere mich sehr. Das Finale ist ja ein Traum. Wir arbeiten auf dieses Ziel hin, und leider sind diese Termine vor Wochen geplant worden, und ich konnte sie nicht mehr aufschieben. Ich habe damals auf die einzelnen Tage gar nicht geachtet.

Sie haben erklärt, die Mannschaft sei so stark, dass ein Finaleinzug das Saisonziel sei. Sollte der SCC Vizemeister werden, hat dann die Mannschaft also nicht mehr als ihre Pflicht erfüllt?

Ja, ich habe zwar diese Ziele so genannt, aber ich beurteile die Leistung der Mannschaft nicht danach, ob sie Erster, Zweiter oder Dritter wird. Für mich ist die sportliche Entwicklung während der Saison wichtig, und da habe ich vor den Play-offs gesagt, dass der Trainer überragend gearbeitet hat. Auch die Mannschaft hat sehr gut gearbeitet. Der Titel wäre natürlich die Krönung.

Gegen Friedrichshafen kamen 8045 Zuschauer in die Schmeling-Halle. Denken Sie dann einfach, unabhängig vom Ergebnis: „Wow, genau dafür mache ich diese Arbeit“?

Ja, das war für Deutschland schon einmalig. Wir waren gerührt. Aber wir sind trotzdem in erster Linie Sportler. Wir wollen siegen, nicht bloß die Hallen füllen.

Andererseits: 8000 Zuschauer haben die Füchse in der Handball-Bundesliga permanent. Ist also Volleyball trotz allem eine Sportart, die in Berlin nicht groß Fuß fasst?

Wissen Sie, was ich schon vor Jahren zu meinen Mitstreitern gesagt habe: Lasst uns uns nicht mit Fußball, Handball oder Basketball vergleichen. Das sind Sportarten, die haben eine ganz andere Tradition in Deutschland. Die Handball-Bundesliga ist die stärkste der Welt, dort sehen die Fans außergewöhnliche Spieler. Volleyball hat das nicht zu bieten, deshalb ist unser Maßstab: Wir besetzen eine Nische, und die müssen wir gut besetzen. Dafür gibt es auch Potenzial. Und in dieser Nische sitzen wir ganz gut.

Seit 20 Jahren arbeiten Sie mit extrem viel Herzblut für den SCC. Manchmal wirken Sie, als seien Sie auf einer Mission.

Das ist voneinander nicht zu trennen. Ehrenamtliche Pflicht und Mission treffen sich in einem Punkt. Wenn Sie diesen Missionsgedanken nicht haben, fehlt Ihnen der Antriebsmotor. Und dieser Motor beflügelt mich auch immer wieder.

Sie haben jetzt einen relativ großen Kreis an Mitarbeitern. Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Rolle als Alleinunterhalter nicht mehr durchzuhalten ist?

Als der Erfolg kam und die Anforderungen stiegen. Früher habe ich noch das Netz aufgebaut und Banden aufgestellt. Jetzt sind bei einem Spiel in der Schmeling-Halle fast 70 Mitarbeiter beschäftigt, fast alles Ehrenamtliche. Früher habe ich Reisen organisiert, Hotels gebucht und nebenher noch die Mannschaft trainiert. Heute undenkbar. Unsere Geschäftsstelle macht da wunderbare Arbeit. Wegen unserer Organisation haben wir in Europa ja auch einen sehr guten Namen.

20 Jahre Arbeit. Welche Fehler bereuen Sie?

Oh, ich habe reichlich Fehler gemacht. Aber wenn ich mal den Trend bei der sportlichen Entwicklung betrachte, muss ich sagen: Wir haben ein paar gute und wichtige Weichenstellungen gemacht.

Und wo lagen Sie im Detail falsch?

Wir haben in der Trainer- und Spielerfrage nicht immer glücklich gehandelt. Hinterher ist man immer klüger, aber in der damaligen Situation waren es aus meiner Sicht die richtigen Entscheidungen.

Viele Trainer können nach einem aufreibenden, verlorenen Spiel nicht oder ganz schlecht schlafen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich schlafe gleich ein, weil ich so erschöpft bin. Aber nach zweieinhalb Stunden wache ich wieder auf, und dann kann ich nicht mehr schlafen.

Was war Ihre bitterste Nacht?

Ich war schon sehr enttäuscht, als wir 2009 das Endspiel verpasst haben. Wir hatten die Normalrunde überragend gespielt, aber kurz vor den Play-offs Platz eins verloren. Und dann sind wir im Halbfinale an Friedrichshafen gescheitert.

Und Ihr schönster Moment?

Unser erster Auftritt in der Schmeling-Halle, das Spiel gegen Düren. Auf den Rängen saßen 5000 Menschen.

Ein Coach hat mal Ihre Präsenz als hemmend für die Arbeit eines Trainers eingestuft. Hatte er Recht?

Das empfindet jeder anders. Aber das mag durchaus so gewesen sein. Es gibt halt Zeiten, in denen der Manager mal mehr involviert ist als sonst. Ich habe mich seit einem Jahr im Wesentlichen auf die Arbeit eines Geschäftsführers zurückgezogen. Die sportliche Arbeit ist sowieso Sache des Trainers. Ich habe früher nur eingegriffen, wenn es zwischen Team und Trainer nicht funktioniert hat.

Haben Sie denn einen Moment im Kopf, an dem Sie sagen: „Jetzt höre ich auf. Jetzt habe ich den Höhepunkt erreicht“?

Eigentlich nicht. So lange ich Spaß habe und Entwicklungsmöglichkeiten sehe, mache ich weiter. Dass das nicht immer so war, ist auch klar. Gerade vor zwei, drei Jahren habe ich den Spaß ein Stück weit verloren. Da hatte ich Zweifel, dass man das Projekt weiterentwickeln kann.

War das ein Moment, in dem Sie dachten, jetzt werfe ich den ganzen Krempel hin?

Nein, so weit ging es nicht. Einfach aufgeben, das passt nicht zu mir. Ich habe mir aber überlegt, dass ich den SCC in sehr viel geringerem Maß unterstütze als bisher. Das habe ich auch intern angekündigt. Ich hätte denen, die dann weitergemacht hätten, eine gewisse Grundlage gegeben, mich dann aber ganz zurückgezogen. Das Projekt Volleyball darf und wird nicht nur mit der Person Kaweh Niroomand zusammenhängen.

Sie sind auch noch glühender Anhänger von Borussia Dortmund. Für den 14. Mai ist das fünfte Finalspiel in Friedrichshafen geplant. Sollte diese Partie stattfinden, haben Sie dummerweise ein großes Problem.

Stimmt. Da findet auch das letzte Bundesligaspiel statt. Und ich habe schon vor Wochen für Freunde und mich Karten fürs Heimspiel der Borussia besorgt und einen Bus gechartert. Bei einem fünften Spiel gerate ich in einen Terminkonflikt.

Also nach Dortmund.

Selbstverständlich nach Friedrichshafen.

Das Gespräch führte Frank Bachner. Das vollständige Interview lesen Sie unter www.tagesspiegel.de/sport.

Kaweh Niroomand, 58, ist Manager des Volleyball-Bundesligisten SC Charlottenburg. Niroomand hat im Wesentlichen den SCC zu seiner heutigen Bedeutung geführt.

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