Sport : "Wir waren doch Sibirien" - Hans Meyer über Kommunisten, Scholl und das Aufhören

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt gesagt: "Ich bin K

Hans Meyer (57) führte als Trainer den FC Carl Zeiss Jena dreimal zum Fußball-Pokalsieg in der DDR. Später war er Coach bei Twente Enschede, jetzt führte er Borussia Mönchengladbach von ganz unten an die Aufstiegsplätze zur 1. Fußball-Bundesliga.

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt gesagt: "Ich bin Kommunist" und ...

Sie erzählen dieselbe Scheiße wie viele Ihrer Kollegen.

Dann formuliere ich anders: Sie sollen sich bei Ihrem Amtsantritt als Kommunist bezeichnet haben.

Sie sind der Zwölfte, dem ich das nun noch einmal erkläre. Ich habe damals gesagt, dass Borussia Mönchengladbach überall in Europa einen fantastischen Namen hat. Die Tatsache, dass der Klub damals ganz unten stand, machte den Job noch interessanter, denn falsch machen konnte ich nichts. Weil ich dann als Begründung, warum ich das Angebot der Borussia annehme, aus Spaß gesagt habe: "Kommunisten waren immer arm", stand später dieser Blödsinn in allen Zeitungen.

Sie hatten Ihrer Frau versprochen, dass Enschede Ihre letzte Station ist.

Eigentlich wollte ich am Ende dieser Saison aufhören, dann aber kam das Angebot aus Gladbach, und natürlich konnte ich schlecht sagen "Okay, ich mache es, aber nur die nächsten sieben Monate". Jetzt stehe ich bis 2001 unter Vertrag, dann möchte ich eigentlich Schluss machen.

Warum?

Weil ich 57 Jahre alt und davon 30 im bezahlten Fußball tätig bin, unterbrochen nur von zwei Mal drei Monaten Arbeitslosigkeit. Immer in der Mühle, immer das Gleiche, ob im Osten, ob in Holland oder hier. Immer die gleichen Probleme mit der Mannschaft, mit dem Umfeld, in Wladiwostok genauso wie in Mexiko. Irgendwann stellt man sich die Frage, ob das nun alles war oder ob man nicht doch besser öfter mit den Enkeln zusammen sein sollte.

Wie kommt es, dass man Sie immer missversteht?

Als ich zur Borussia kam, hieß es: "Herr Meyer, wir kennen Sie hier noch nicht". Da habe ich geantwortet: "Kein Wunder, der DDR-Fußball war doch für euch nicht 500, sondern 20 000 km entfernt, wir waren doch für euch Sibirien. Wenn man dann noch Meyer heißt, hat man schlechte Karten. Im Osten aber bin ich ähnlich populär, wie hier Udo Lattek". Am nächsten Tag stand dann in der Zeitung: Meyer vergleicht sich mit Lattek! So erschwert man meine Arbeit.

Die Arbeit erschweren könnte Ihnen auch Toni Polster, wenn der im Sommer einen PR-Job am Bökelberg antritt.

Das wird kein Problem, schließlich kommt er nicht als Fußballer. Im Übrigen wäre der Klub ja dumm, würde er die Popularität Polsters nicht nutzen.

Sie haben also keine Probleme mit ihm?

Im Gegenteil, ich finde es sehr anständig und konsequent, dass Toni seine Zeit hier nicht abgesessen und kassiert hat, sondern zu einem anderen Klub gewechselt ist.

Stört es Sie grundsätzlich, wenn ehemalige Borussen mitreden wollen?

Es wäre geradezu fahrlässig, würde man die Kompetenz eines Berti Vogts oder eines Günter Netzer ablehnen. Auch wenn ich das nicht als typisches Problem der Borussia sehe, hat es jemand wie Winni Schäfer, der fantastische Arbeitsbedingungen bei Tennis Borussia vorfindet, natürlich leichter. Dort muss man den Leuten Eintrittskarten schenken, damit sie überhaupt hingehen, und gebündelte Kompetenz ehemaliger Tennis Borussen, die einem das Leben schwer machen könnte, dürfte es auch kaum geben.

Am Montag treffen Sie nun auf den 1. FC Köln, ein Traditionsklub wie Ihre Borussia. Die Kölner benötigten eine Spielzeit, um sich in der Zweiten Liga zu akklimatisieren. Bei Borussia sieht es so aus, als könnte das schneller klappen. Käme ein Aufstieg in dieser Saison zu früh?

Der kann nie zu früh kommen. So eine Gelegenheit, sollte sie denn kommen, muss man beim Schopfe packen. Das Argument der Planungssicherheit können Sie auch vergessen, denn egal, ob wir im Sommer aufsteigen oder nicht, brauchen wir drei, vier Basisverstärkungen. Spieler, die kommen und gleich spielen, Spieler, die wir nicht erst entwickeln müssen.

Wie sehen Sie die deutschen Chancen bei der kommenden Europameisterschaft?

Ich sehe den deutschen Klub-Fußball total anders als die Nationalmannschaft. Genau genommen hat man schon bei der WM in den USA einen Offenbarungseid geleistet. Ich werfe den Jungs, die spielen, nichts vor, aber ich weigere mich auch, zu sagen "Vogts oder Ribbeck sind schuld!"

Nach der WM 1994 folgte noch der Europameistertitel.

Das war das Schlimmste, was passieren konnte, weil der die Probleme nur überdeckt hat. Damals hat Berti aus Scheiße Butter gemacht. Die Mannschaft hatte einen fantastischen Charakter, und Vogts hat alle deutschen Tugenden gebündelt, sodass man bessere Mannschaften auf die Plätze verweisen konnte. Gleichzeitig aber wurde wieder übertüncht, dass nichts nachwächst. Ich sehe Mehmet Scholl gerne Fußball spielen, aber er ist kein Weltklassemann. Die Tatsache, dass man Scholl nun zum Hoffnungsträger macht, zeigt den wahren Zustand des deutschen Fußballs.Das Gespräch führte Andreas Kötter.

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