Sport : „Wir wollen der Mannschaft eine Identität geben“

Oliver Bierhoff über Veränderungen, Selbstvertrauen und seinen Job als Manager der Nationalelf

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Herr Bierhoff, wann waren Sie das letzte Mal so richtig wütend?

Weiß ich gar nicht. Ich bin ja ein Mensch, der sich unter Kontrolle hat. Ich raste nicht aus. Es gibt aber immer mal wieder Sachen, über die man sich ärgert.

Wie sieht es denn aus, wenn Sie sich so richtig ärgern?

Ich ärgere mich eher still, andere zeigen eben mehr Emotionen. Michael Schumacher ist auch sehr kontrolliert. Es ist in jedem Fall eine Charakterfrage. Ich bin sehr bodenständig, ruhig und gelassen.

Ist das ein Vorteil?

Es ist von Vorteil, kühlen Kopf zu bewahren. Für mich selbst ist das gut, aber dafür brauche ich auch in mir eine positive Grundstimmung. Und für das Umfeld ist es auch besser, wenn da nicht einer ist, der immer gleich ausrastet. Aber jetzt fällt mir ein, über was ich mich zuletzt geärgert habe.

Nur zu...

Über die Reaktionen in den Medien auf die amerikanischen Fitnesstrainer. Seit Jahren heißt es doch: Der deutsche Fußball igelt sich ein, man muss mal nach draußen schauen, es muss sich etwas verändern. Und dann macht man was und wird dafür kritisiert, als wäre das der Weltuntergang.

Mussten Sie nicht mit Kritik rechnen?

Ich habe, bevor ich diesen Job angetreten habe, mit Kritik gerechnet, aber nicht bei solchen Selbstverständlichkeiten. Aber ich ärgere mich auch nicht länger darüber. Wir, Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und ich, tun etwas, weil wir davon überzeugt sind. Der Rest ist nicht in unserer Hand.

Sie haben schon oft gesagt, wie schwer es ist, in Deutschland etwas anders zu machen. Neue Leute würden immer skeptisch betrachtet, erfolgreichen Leuten oft der Erfolg geneidet. Wie werden Sie damit umgehen, wenn es richtig ernst wird?

Wir wissen, dass viele Dinge, die wir noch planen, kritisch hinterfragt werden. Ich weiß nicht, ob es noch einen Job gibt, wo einem so viele Menschen sagen, wie man diesen Job zu machen hat. Aber da sind wir drei innerlich sehr gefestigt. Wenn wir von unserer Sache überzeugt sind, dann ziehen wir das knallhart durch. Am Ende muss jeder für das geradestehen, woran er glaubt.

Wie sieht es mit Ihrer Konfliktfähigkeit aus? Sie lächeln und treffen harte Entscheidungen. Geht das: smart, aber hart?

Das geht. Wir fordern von uns und von der Mannschaft Offenheit. Auch offene Kritik. Wir müssen davon wegkommen, Kritik persönlich zu nehmen. Wir alle müssen mit Kritik leben, wir nehmen sie auf, freundlich, aber unbeirrt. Vielleicht trifft smart und geradlinig eher.

Halten Sie sich für diese Linie besonders prädestiniert? In Ihrer Karriere wurden Sie respektiert, aber nie geliebt.

Was heißt nicht geliebt? Meine Sympathiewerte sind immer noch höher als die der meisten anderen Fußballer. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich war ich nie ein Mann des Volkes wie Rudi Völler. Aber die Menschen auf der Straße begegnen mir sehr positiv. Als Sportler wurde ich in Deutschland oft in Frage gestellt, als Mensch nie.

Worauf führen Sie das zurück?

Die Menschen haben ein Gespür dafür, ob etwas aufgesetzt ist oder nicht. Ich glaube nicht daran, dass man Leute über einen langen Zeitraum hintergehen kann. Und so begegne ich auch den Menschen – mit Respekt und Freundlichkeit.

Sie waren eine Art Minderheit in der Fußballwelt.

Ich weiß, ich habe nebenher studiert, mein Vater war Vorstand bei einem großen Unternehmen. Ich weiß nur, dass ich vor mir selbst geradlinig war, ich habe getan, was ich für richtig hielt.

Wollen Sie im neuen Amt auch zeigen, wer Sie sind und was Sie wirklich können?

Dieser Job war nicht geplant. Aber wenn er dir angetragen wird, dann juckt es schon. Ich möchte nicht nur immer reden und kritisieren, ich möchte mit anpacken. Das ist ja auch eine sehr reizvolle Aufgabe, ganz frei davon, irgendjemandem etwas beweisen zu wollen. Ich habe mir folgende Frage gestellt: Wenn du 2006 im Stadion bist, wird es dir wehtun, wenn du nicht da unten stehst?

Völler nahm man den EM-K.o. nicht persönlich übel, aber Klinsmann und Sie gehen ein hohes Risiko ein, gerade weil man Sie beide stets distanziert betrachtet hat.

So ist es. Aber: no risk, no fun. Wer hoch klettert, kann tief fallen. Aber deswegen krabbel ich nicht mein Leben lang am Boden rum, nur damit ich nicht falle. Ohne diese Mentalität wären wir nicht die Sportler geworden, die wir geworden sind. Sonst hättest du Angst im EM-Finale, oder du wärst nicht Meister mit Mailand geworden. Man kann abwägen: Wann stehe ich toll da, wann schlecht? Aber das hindert einen, an seine Arbeit zu glauben, an sein Können. Den Gedanken des Misserfolges denkt man nur einmal kurz, dann schiebst du ihn beiseite.

Kritik kann hier sehr persönlich sein.

In gewisser Weise sind wir ja Volkseigentum. Jeder redet mit, jeder richtet mit. Und das kann hart sein. Aber wenn ich meine Ruhe hätte haben wollen, dann wäre ich weggeblieben. Für mich war vielmehr die Frage: Wie willst du deine nächsten Jahre gestalten?

Glauben Sie, Sie haben jetzt Gestaltungsspielraum bei all den Skeptikern, die nur auf einen Fehler warten?

Ich bin mit mir im Reinen. Ich will das. Und der Job ist sehr spannend, weil man viel lernen kann. Das hört sich merkwürdig an, aber man muss lernen wollen, auch wenn man Verantwortung übernimmt. Wer nicht mehr lernt, wird arrogant. Ich sage nicht, dass ich meinen Job nicht kann. Man lernt, wie ein Verband und wie Vereine funktionieren, man lernt, wie die Manager ticken. Allein die Lebenserfahrung muss man mitnehmen.

Hätten Sie diese Aufgabe übernommen, wenn Jürgen Klinsmann nicht Trainer geworden wäre?

Ich hätte abgewartet, wer Trainer wird. Als Vereinsmanager bin ich Chef des Trainers. Ich stelle ihn ein und kann ihm Anweisungen geben. Bei der Nationalmannschaft ist es anders. Ich muss alles mit dem Trainer abstimmen, jede Sponsorenaktion zum Beispiel. Der Trainer ist der entscheidende Punkt. Die Besetzung muss passen, die Chemie stimmen.

Wodurch stimmt die Chemie?

Wir haben zwei Jahre in der Nationalmannschaft zusammengespielt, wir haben danach immer Kontakt gehabt und uns gut kennen gelernt. Im Winter haben wir uns in Los Angeles getroffen, wobei dieses Thema nie aufkam. Aber ich glaube, man entwickelt da so ein Gespür. Unabhängig vom Vertrauen denke ich, dass Jürgen eigene Gedanken und klare Ideen hat und auch den Mut, sie umzusetzen. Da sind wir uns sehr ähnlich.

Sie haben Rudi Völler vorgeworfen, es wäre kein Konzept erkennbar gewesen. Was sind die Eckpfeiler Ihres Konzepts?

Ich glaube, da ist ein anderer Führungsstil. Wir wollen der Mannschaft eine Identität geben. Die soll sich auch in einer offensiven Spielweise deutlich machen: schnell, aggressiv, offensiv, engagiert, mutig. Das gelingt vielleicht nicht immer, aber wir müssen es versuchen.

Was macht Sie so sicher, dass Ihre Reformen nicht stecken bleiben wie andere in Deutschland?

Am meisten Mut macht mir, dass die Spieler unser Vorhaben so gut aufnehmen. Sie sind interessiert, mit Lust dabei, sie fragen. Die Reaktion der Mannschaft wird sich auf dem Rasen zeigen.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Im Moment auf das Spiel gegen Brasilien. In diesem tollen Stadion! Die Jungs sind heiß, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw sind heiß, und ich bin es auch.

Das Gespräch führten Armin Lehmann und Michael Rosentritt.

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