Sport : „Wir wollen keine Roboter produzieren“

Der Chef der Sporthilfe, Werner E. Klatten, über die Athleten der Zukunft und Drei-Euro-Spenden von jedermann für den Sport

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Foto: dpadpa

Herr Klatten, wie geht es Ihnen als Gutmensch?

In Verbindung mit meiner Person verwende ich diesen Begriff eigentlich nur ironisch.

Sie haben sich so genannt, nachdem Sie vor einem Jahr den Vorstandsvorsitz der Stiftung Deutsche Sporthilfe übernommen hatten.

Weil ich nun Zeit für Dinge habe, die mir gesellschaftspolitisch wichtig sind und mit denen ich kein Geld verdienen muss. Die Idee der Sporthilfe finde ich jetzt sogar noch spannender als vor einem Jahr.

Was fasziniert Sie daran?

Wir wollen, dass unsere Kinder intelligent sind, ehrgeizig, nicht gewalttätig, leistungsstark und sozial fähig. Das ist eine Menge auf einmal. Aber mit Sport können Sie das alles verfolgen. Das habe ich früher nicht gesehen. Auch mit den Ergebnissen der Hirnforschung über die Bedeutung des Sports habe ich mich erst jetzt beschäftigt. Ich bin noch mit dem Humboldt’schen Ideal aufgewachsen. Für mich galt: Sport ist ja nett, aber ein gutes Buch ist wichtiger.

Brauchen wir für die von Ihnen genannten Ziele wirklich den Hochleistungssport?

Ja, denn der Leistungssport ist die Werbekarte für den Breitensport. Wir wissen, dass Menschen in einer medialen Gesellschaft Dinge nur tun, wenn sie dazu veranlasst, motiviert, überzeugt werden. Im Leistungssport sehe ich Menschen, die ich begeisternd finde, die ich mir als Vorbilder nehme.

Wer ist denn für Sie ein Vorbild?

Steffi Nerius, deshalb freut es mich auch, dass sie zur Sportlerin des Jahres gewählt worden ist. Sie ist ein wunderbares Beispiel für Leistungsstärke im Sport und Charakterstärke in der Person. Diese Kombination ist geradezu idealtypisch. Aber sie ist auch ganz selten.

Ist Claudia Pechstein für Sie noch ein Vorbild?

Pechstein ist sicher ein Vorbild mit dem, was sie geleistet hat. Aber wir müssen den Anti-Doping-Kampf in großer Radikalität führen. Da können wir nicht nur das Einzelschicksal einer sicher einmal hochgelobten Person im Auge haben, sondern müssen auch das Ganze sehen.

Glauben Sie ihr denn noch?

Es ist nicht meine Sache, ihr zu glauben oder nicht. Ich kann nur das zur Kenntnis nehmen, was ein Gericht feststellt. Es gibt bisher keinen Hinweis, dass das Sportgericht aus unsachlichen Motiven heraus zu seiner Entscheidung gekommen ist. Alles andere sind für mich Geschmacksfragen.

Nun hat der Internationale Sportgerichtshof ja festgestellt, dass Claudia Pechstein wegen Dopings zu sperren ist. Ist sie für Sie damit auch eine Doperin?

Ja, es ist so.

Wie groß ist Ihre Enttäuschung darüber?

Wir lassen einen Menschen hochleben, aber immer mit dem Vorbehalt, die Hand wieder zurückziehen zu müssen, wenn etwas passiert. Doping ist die Gretchenfrage des Sports. Wenn wir Doping nicht bekämpfen, stürzt das, was ich vorhin als Ideal beschrieben habe, in sich zusammen. Wir müssen deutlich machen, dass es nicht in erster Linie um Goldmedaillen geht, sondern um Leistungsstärke auf der Basis von Fairness.

Wie wichtig ist denn der Medaillenspiegel bei den Winterspielen in Vancouver?

Sie wissen, dass er für die Vermarktung von uns natürlich eine Bedeutung hat. Im Sinne des gesamtgesellschaftlichen Konzepts halte ich ihn für begrenzt aussagekräftig. Ich halte ihn wiederum für wichtig, wenn es darum geht, Vorbilder aufzubauen. Das geht mit einer Goldmedaille leichter als mit einem elften Platz.

Macht nicht gerade die Spitzensportförderung Athleten noch verführbarer?

Die Sache mit der Verführbarkeit ist höchst relativ. Nehmen Sie die Bezüge eines Fußballbundesligaspielers und stellen Sie denen die Einnahmen eines Athleten in allen anderen olympischen Sportarten gegenüber – das ist nichts! Für eine Goldmedaille in Vancouver bekommen sie 15 000 Euro. Einen gut dotierten Werbevertrag gibt es auch nicht einfach so. Die Athleten mit Werbevertrag kann man an einer Hand abzählen. Unter finanziellen Gesichtspunkten ist Leistungssport keine effizient eingesetzte Zeit.

Was kann die Sporthilfe gegen Doping tun, außer von den Athleten einen Eid zu verlangen und bei einem Dopingfall Fördergeld zurückzufordern?

Eine unserer wichtigen Initiativen ist die duale Karriere. Wir versuchen sehr früh zu vermitteln, dass es zum Leben eines Athleten gehört, sich rechtzeitig um die berufliche Entwicklung zu kümmern. Wenn unsere Schwimmerin Britta Steffen sagt: Jetzt muss ich zum Studium, damit ich mal andere Leute sehe und den Kopf freibekomme, ist das eine große Motivation für unsere Arbeit. Es geht uns auch darum, Athleten nach der Karriere mit ihrer Leistungsstärke in die Gesellschaft einzubinden. Im Sinne der gesellschaftlichen Relevanz verschwinden die meisten jedoch nach dem Sport.

Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Man muss den Nachwuchssportlern breite Angebote machen. Wir wollen einen informierten und gebildeten Athleten. Wir wollen keine Roboter produzieren. Deshalb gibt es das Sporthilfe-Eliteforum, bei dem Athleten mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien zusammentreffen. Wir wissen genau, dass solche Veranstaltungen manchen Trainern ein Dorn im Auge sind, weil sie ihre Athleten nicht aus ihren Trainingsplänen rauslassen wollen. Dann müssen sich die Sportler eben durchsetzen. Diese Selbstbestimmung ist extrem wichtig. Wir müssen unsere Sportler dazu erziehen, dass sie eine eigene Auffassung entwickeln, und dass sie diese Auffassung durchsetzen. Wir erwarten ja auch von ihnen, dass sie sagen: Ich dope nicht. Das ist eine harte Entscheidung, wenn alle um sie herum dopen und sie sonst die Weltspitze nicht erreichen.

Fühlen Sie sich von Sportorganisationen und Unternehmen ausreichend unterstützt?

Bevor ich andere kritisiere, kritisiere ich uns selbst. Bevor wir unser riesiges Potenzial an Ideen für die Vermarktung nicht ausgeschöpft haben, sollten wir nicht mit Forderungen an andere herantreten. Im Januar werden wir eine Kampagne in einer Form starten, die es bei der Sporthilfe noch nicht gegeben hat.

Sie wollen also die sinkenden Einnahmen aus dem Briefmarkenverkauf ausgleichen.

Zum einen wollen wir rückläufige Erlössparten nicht nur ausgleichen, wir wollen auch mehr einnehmen. Weil wir mehr Spitzensportförderung leisten wollen. Wir haben eine repräsentative Erhebung unter unseren Athleten gemacht. Das Ergebnis lautet: Bei 60 Wochenstunden im Schnitt haben sie nicht mehr als gut 600 Euro pro Monat als verfügbares Einkommen. Hier müssen wir also dringend etwas tun. Daher wollen wir zum ersten Mal an die breite Öffentlichkeit mit einem Spendenkonzept.

Wie soll das aussehen?

Wir laden jeden ein, schon mit einem kleinen Betrag von drei Euro im Monat – gerne auch mehr – ein Förderer der Sporthilfe-Athleten zu werden. Denn alle wollen doch am Schluss vor dem Fernseher sitzen und sehen, dass ihre deutschen Kollegen Erfolg haben. Und das kostet Geld.

Sie suchen also Patentanten und Patenonkel für Spitzensportler?

Exakt. Jeder wird selbst sehen können, dass er ein Sponsor ist. Die Leistungssportler werden sich auch bei den Spendern bedanken.

Kann sich der Spender denn einen Sportler aussuchen?

Nein. Das wird später noch mal eine Variante sein, die bauen wir aber nicht in der ersten Kampagnenstufe ein. Das ist erst mal ein Basiskonzept, das wir mit der Zeit anreichern, um es spannend zu halten.

Wie viel wollen Sie mit der neuen Kampagne einnehmen?

Die Schweiz hat es mit einem vergleichbaren Konzept innerhalb von drei Jahren auf etwa 20 000 Fördermitglieder gebracht. Das ist eine erste Messlatte für uns. Insgesamt soll unsere Kampagne natürlich nicht nur unsere Rückgänge ausgleichen, sondern die Förderleistungen für die Athleten signifikant erhöhen.

Was ist nun, wenn Sportler gedopt sind? Können dann Sponsoren ihre Spende zurückfordern?

Die fördern ja nicht einzelne Sportler, die fördern die Sporthilfe. Aber Sie haben schon recht. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Daher haben wir bereits vor drei Jahren den Sporthilfeeid eingeführt, nach dem alle Sportler, die dopen, aus der Förderung ausgeschlossen werden und der Sporthilfe die gewährten Mittel zurückzahlen müssen. Wir verfolgen das konsequent.

Welche Erfahrungen haben andere Länder mit einem Spendenkonzept für den Sport gemacht?

Die angelsächsischen Länder haben eine ganz andere Spendenfreudigkeit. Davon sind wir noch Lichtjahre entfernt. Bei uns ist auch die Einstellung zum Spitzensport anders. Wir sind bei Turnvater Jahn stehen geblieben und sehen nicht die Bedeutung, zum Beispiel für die Förderung der Gesundheit.

Herr Klatten, wie viel Zeit bleibt Ihnen neben Beruf und Sporthilfe eigentlich fürs eigene Sporttreiben?

Ich treibe jeden Tag im Schnitt eine Stunde Sport. Im Tennis, im Ski und im Golf war ich nie besser als jetzt. Das heißt aber nur, dass ich früher noch schlechter war.

Das Gespräch führten Robert Ide und Friedhard Teuffel.

Werner E. Klatten, 64, ist Vorstandschef der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die 3800 Athleten fördert. Der Jurist leitete zuvor

Medienbetriebe wie Sat 1, den Spiegel-

Verlag und EM.TV.

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