Sport : Wirbel vor dem Schneckenhaus

Martin Hägele

Wie ein kleiner Indianer schwenkte Peter Godenrath, der Herr übers Marketing beim VfB Stuttgart, seinen Klubschal, als kurz vorm Schlusspfiff des schwäbisch-badischen Länderspiels der Ball zum dritten Mal im Tor des SC Freiburg gelandet war. Hätte der Mann in seinem Glück darüber, dass der VfB nach dem 3:0 weiter die Nummer eins im Ländle bleibt, nur simpel die Zufriedenheit des Augenblicks genossen. Aber nein, weil Godenrath ja ein Werbe-Experte ist, posaunte der neue Vizepräsident seinen Slogan unter die Medien: "Vorne dran bleiben, das ist im Moment die einzige Devise".

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de In einer anderen Ecke des Pressesaals erzählte gleichzeitig Rolf Rüssmann eine ganz andere Geschichte von einem ganz anderen VfB. Wie sehr er sich gefreut habe, als sich die Profis in der Kabine erstmals nach den Resultaten vom 1. FC Köln, Hamburger SV und TSV 1860 München erkundigt hätten. Das zeigt den Realitätssinn und gesunden Menschenverstand der kickenden Angestellten. Die lassen sich weder vom Beifall der Fans noch von sonstigen Schulterklopfern oder den momentanen Ziffern der Tabelle blenden. "Wir schauen nach wie vor nach unten", sagt der Sportdirektor und wird dabei von Mannschaftssprecher Zvonimir Soldo unterstützt. Vom Uefa-Cup könne man vielleicht nach sechs, sieben weiteren Spielen reden, "wenn wir da noch ähnlich gut dastehen", sagte der Kroate. Und die ehemalige Diva Balakow sekundiert: "Unser Ziel liegt zwischen den Plätzen acht und zwölf. Wichtig ist, dass wir noch mehr Konstanz bekommen." Denn nur so sei garantiert, "dass die Jungen an Selbstbewusstsein und Erfahrung reifen".

Dass die jungen Wilden von Cannstatt die ersten Lektionen Bundesliga-Fußball recht schnell begriffen haben, belegt das Beispiel des 19-jährigen Christian Tiffert. Zum zweiten Mal hat der eingewechselte Youngster im Gottlieb-Daimler die Partie entschieden. Nach dem 2:0 in der 75. Minute mussten ihn sämtliche Kollegen zum Gratulieren einfangen, sie erwischten ihn erst am Mittelkreis; ursprünglich wollte Tiffert wohl sein Solo erst auf der Tribüne beenden - in den Armen seiner Freundin. Noch sind solch emotionale Szenen eher die Ausnahme im Stuttgarter Angriffsspiel, dafür imponieren die übrigen Mannschaftsteile. Im eigenen Stadion hat Torwart Hildebrand in dieser Saison erst einen Ball ins Netz lassen müssen. Die Gefährlichkeit der Schwaben reduziert sich im Augenblick vor allem auf Standard-Situationen (wie vor Meißners frühem Führungstor) oder entsteht als Folge der aggressiven und sehr frühzeitigen Stör-Manöver.

Nur selten hatte man in den vergangenen Jahren auf der Stuttgarter Bühne so viel genaues Kurzpass-Spiel erlebt wie am Sonnabend. Die verwirrenden Laufwege vor den Toren Nummer zwei und drei (90., Seitz) hätte man eher dem Copyright von Fußball-Professor Volker Finke vom SC Freiburg angeschrieben. Nur entsprang diese Taktik den Aufzeichnungen Felix Magaths.

Es hat sich manches in und ums Rote Haus verändert, seit Rüssmann und Magath dort die sportliche Linie vorgeben. Auch der SC Freiburg muss sich daran gewöhnen, dass er nicht länger den Alleinanspruch als Talentschmiede der Nation besitzt. Den totalen Aussetzer der gesamten Mannschaft - etwas, was es noch in keinem Derby gegeben hatte - beurteilten oder entschuldigten die Freiburger auch kollektiv mit Sarkasmus oder schwarzem Humor. "So beschissen wie heute haben wir noch nie gespielt", schimpfte Torwart Richard Golz, "die Stuttgarter haben ja 98 Prozent der Zweikämpfe gewonnen." Und falls es tatsächlich so gewesen sei, dass seine Mannschaft ihre Kräfte für den Uefa-Cup-Auftritt am Donnerstag geschont habe, sagte Trainer Volker Finke, "dann müssten wir in Rotterdam explodieren". Eher entsprach die Freiburger Analyse einem weiteren Finke-Satz: "Es gibt Tage, an dem die Spieler einfach nicht aus ihrem Schneckenhaus herauskommen".

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