Sport : „Wissenschaftlich gut erprobt“

Dopingforscher Mario Thevis über Blutprofile

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Foto: p-a/dpadpa

Herr Thevis, bei der Anhörung des Internationalen Sportgerichtshofs Cas im Fall Claudia Pechstein scheint ein ganzes System auf dem Prüfstand zu stehen: der indirekte Dopingnachweis über das Blutprofil. Steht und fällt die Dopingbekämpfung mit den Blutkontrollen?



Diese Aussage wäre zu schwerwiegend. Blutprofile und Athletenpässe haben in der Tat eine sehr große Bedeutung, sie ergänzen sich sehr gut mit anderen Nachweisverfahren. Aber die moderne Dopinganalytik hat auch alternative Möglichkeiten.

Eigenblutdoping kann allerdings im Moment nur indirekt über ein Blutprofil nachgewiesen werden.

Das ist richtig. Daran sieht man, dass Blutprofile sehr wertvoll sind. Mit ihnen wird auf individueller Basis entschieden, aber so, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Manipulation überführen kann. Es könnte jedoch in Zukunft auch möglich sein, Eigenblutdoping direkt nachzuweisen. Daran wird gerade gearbeitet.

Wird denn der Cas im Fall Pechstein ein Grundsatzurteil fällen?

Nein, denn auch in künftigen Fällen muss immer individuell entschieden werden. Ich glaube daher nicht, dass ein Urteil eine Konsequenz für das Blutprofil an sich und die Analytik im Allgemeinen haben wird. In der Öffentlichkeit scheint es gelegentlich so, als ob der Blutpass je nach Ausgang des Verfahrens gut ist oder nicht einsetzbar ist. Das sehe ich anders. Der Fall Pechstein ist interessant und wichtig, so wie es jeder andere Dopingfall vor dem Cas auch ist. Er zeigt, dass Diskussionsbedarf besteht.

Andere Verbände wie der Internationale Skiverband haben schon erklärt, sie hätten schwarze Listen mit Athleten, die ebenfalls unnormale Werte aufwiesen. Sie scheinen also ihr Verhalten vom Urteil im Fall Pechstein abhängig zu machen.

Es geht nicht darum, welche Werte ein Athlet aufweist, sondern, wie sich seine Werte verändert haben. Ein Vorteil des Blutpasses ist seine Vielseitigkeit. Untersucht werden ja nicht nur einzelne Parameter wie Hämatokrit, Hämoglobin oder die Retikulozyten. Insgesamt gibt es bis zu zwölf Parameter, die die Analytiker auf verschiedene Manipulationsmethoden hinweisen können. Manche Parameter verändern sich saisonal, zum Beispiel mit den Trainingsphasen. Andere bleiben gleich. Darüber lernen wir immer mehr.

Welche anderen Dopingsubstanzen sind noch über das Blutprofil nachweisbar?


Einige. Auf Einzelheiten möchte ich jedoch nicht eingehen.

Bei Claudia Pechstein geht es um vermehrte Retikulozyten, junge rote Blutkörperchen. Wann sind diese Werte erhöht?

Ich kann und möchte mich zum Einzelfall nicht äußern.Ganz allgemein gesprochen erhöht sich der Anteil der Retikulozyten nach Doping mit Epo. Wenn in einem parallel durchgeführten Urintest kein Epo nachgewiesen werden kann, heißt das allerdings noch nicht, dass nicht gedopt worden ist. Es gibt schließlich noch andere Dopingpraktiken, die dazu führen, dass die Retikulozyten steigen.

Zum Beispiel?

Anabole Steroide haben unter anderem die Eigenschaft, die Erythrozytenproduktion anzuregen, also der roten Blutkörperchen. Andere, wahrscheinlich weitaus effektivere Mittel, kann ich leider nicht verraten. Es sind jedenfalls mehrere.

Das Blutprofil verlangt von den Athleten mehr als bisher. Bei einem positiven Dopingtest mussten sie nur beweisen, dass eine Substanz unabsichtlich in ihren Körper gelangt war. Jetzt müssen sie auch noch Auffälligkeiten in ihrem Blut erklären können.

Es ist richtig, dass es komplexer wird. Allerdings hatten die Athleten sicher vorher schon das Bedürfnis, wissenschaftliche Unterstützung heranzuziehen. Es wird nicht einfacher, aber die Verfahren sind wissenschaftlich gut erprobt.

Pechsteins Verteidigungsstrategie zielt auch auf die Messgeräte ab, die unterschiedliche Werte ermittelt haben sollen.

Solche Faktoren gilt es auszuschließen beziehungsweise in eine Bewertung mit einzubeziehen. Wir messen für den Blutpass im Pilotprojekt der Welt-Anti-DopingAgentur mit Radfahrern und Leichtathleten mit einheitlichen Geräten, dem Sysmex. Zum Einzelfall von Frau Pechstein kann ich mich wie gesagt nicht äußern, weil mir nicht alle Details vorliegen. Da die Expertenkommission der Internationalen Eisschnelllauf-Union bei der Bewertung der Daten jedoch hochklassig besetzt war, darf man davon ausgehen, dass der Aspekt der unterschiedlichen Messinstrumente dort bereits berücksichtigt wurde.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Mario Thevis, 36, ist Professor für Präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Bei Olympia in Peking gehörte er zur unabhängigen Doping-Beobachtergruppe.

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