Sport : WM 2006: Der Zauberer von Zürich - Beckenbauer ist der Größte (Glosse)

Harald Martenstein

Welches Geschöpf kann es an Größe mit Franz Beckenbauer aufnehmen? Na gut, Gott, falls es ihn geben sollte. Elvis, Einstein, die Beatles - vielleicht. Adenauer, Erhard? Das Wirtschaftswunder lag damals irgendwie in der Luft. Der Abstimmungserfolg gegen Südafrika dagegen war extrem unwahrscheinlich.

Franz Beckenbauer hatte bei der Präsentation der deutschen WM-Bewerbung locker gewirkt. Er trat in Zürich lässig, bescheiden und humorvoll auf. Das entsprach ziemlich genau dem Gegenteil seines in langen Jahren aufgebauten Images als "Der Kaiser". Beckenbauer führte die Deutschen mit einem überraschenden Spielzug zum Sieg, mit einem von niemandem erwarteten Pass aus der Tiefe des Raums, ähnlich wie er es früher als Fußballer auf dem Platz gemacht hat. Die Deutschen hatten sich bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft als schlechte Verlierer blamiert und gerade erst bei der Europameisterschaft als schlechte Spieler. Aber jetzt standen sie auf dem Podium und wirkten plötzlich unwiderstehlich sympathisch. Beinahe undeutsch. Als WM-Bewerber waren sie auf einmal Schönspieler, wie die Franzosen auf dem Fußballplatz, und taten so, als ob ihnen das Endergebnis gar nicht so wichtig ist. Ein Land, wo jeder gerne hingeht: Diese Selbstinszenierung muss ihnen die eine, entscheidende Stimme zur Mehrheit gebracht haben.

Das war Beckenbauers größter Sieg, das Wunder von Zürich - die Selbstüberwindung. Denn Beckenbauer kann unerträglich arrogant sein, er gilt als jähzornig, launisch, unnahbar, hierarchiefixiert, so wollen es die Biografen herausgefunden haben. Seinen Charme holt er bei Bedarf heraus wie der Zimmermann den Hobel, es ist ein Arbeitscharme. Er hat immer darauf beharrt, kein Genie zu sein, sondern ein gewissenhafter, perfektionistischer Arbeiter, bloß ein bisschen begabter als die anderen, sozusagen typisch deutsch. Diesmal hatte der Perfektionist erkannt, dass Deutschland es auf Biegen und Brechen locker angehen muss.

In Deutschland wird man jetzt mehr denn je der Auffassung sein, dass Franz Beckenbauer alles gelingt, was er anfasst - er ist vom Arbeiterbub zum Millionär aufgestiegen, er war der beste Libero, der beste Trainer, der beste "Bild"-Kolumnist und der beste Werbespot-Hauptdarsteller aller Zeiten. Aber das, was wir zu sehen glauben, sind nur die modernen Sagen der Medienwelt. Man kann den Spiegel jederzeit umdrehen.

Vergessen wir nie, dass Franz Beckenbauer einer der schlechtesten Schlagersänger aller Zeiten gewesen ist. Sein Leben lässt sich auch als eine Kette von Misserfolgen aufschreiben. Während seiner Laufbahn als Fußballer hat Franz Beckenbauer zum Beispiel eine nicht enden wollende Reihe von Eigentoren geschossen. Besonders schnell war er auch nicht. Sein Wechsel von Bayern München zu dem charismafreien Klub Cosmos New York war ein grotesker sportlicher Fehler, den er immerhin rasch einsah. Das Comeback in der Bundesliga, beim HSV, ging völlig schief. Beckenbauer war definitiv zu langsam geworden und meldete sich meistens krank, nur um sich nicht zu blamieren.

1984 wurde er Teamchef der Nationalmannschaft und richtete bei der WM 1986 in Mexiko ein nie erlebtes Chaos an - die Mannschaft stritt sich pausenlos, kam zwar ins Endspiel, aber spielte so abtörnend schlecht wie erst wieder im Jahre 2000. Bei der Europameisterschaft im eigenen Land scheiterten Beckenbauers Deutsche im Halbfinale an den Holländern. Der Versuch, Olympique Marseille zu trainieren, endete nach wenigen Monaten in einem Fiasko. Dann erzählte Franz Beckenbauer auch noch in einem "Penthouse"-Interview, dass er an die Wiedergeburt glaubt und in seinem nächsten Leben ein Kind gebären will. In den Zeitungen stand daraufhin: "Früherer Teamchef plant Comeback als Frau".

Inzwischen weiß man, dass Beckenbauer auch dies gelingen wird. In ein paar Jahren wird er nackt als Titel-Girl für "Penthouse" posieren und anschließend Elflingen das Leben schenken.

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