Sport : WM 2006: "Kuhhandel" oder Wie Deutschland die WM kriegt (Glosse)

Benedikt Voigt

Mein Gott, Franz, das war nun wirklich zu naiv, wie du vor der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft auf den Rückzug Brasiliens zu Gunsten Südafrikas reagiert hast. "Mauschelei" nanntest du das, "Kuhhandel" hast du geschimpft, und dich in deiner bajuwarischen Art über diese Nachricht aufgeregt. Dabei haben die beiden Länder nur abgesprochen, sich im Exekutivkomitee der Fifa bei den Vergaben der WM 2006 und 2010 gegenseitig zu unterstützen. Was soll so schlimm daran sein?

Also Franz, das muss an dieser Stelle einmal gesagt werden. Wir sind hier nicht auf dem Fußballplatz. Hier gewinnt doch nicht das Land, das am Ende die meisten Tore geschossen hat. Hier holt sich doch nicht derjenige die Trophäe ab, der die besten Spieler aufbietet. Wenn es danach ginge, müsste Deutschland mit dem Mannschaftsaufgebot Beckenbauer, Schröder, Schiffer und Schily (Reihenfolge zufällig) längst vorne liegen. Doch hier siegt am Ende nicht derjenige, der in der Bewerbungsrunde am meisten Punkte sammelt und die Spielregeln einhält. Also wirklich Franz, du bist doch nicht im ersten Jahr auf dem Posten eines Sportfunktionärs. Du solltest langsam wissen, wie es hier läuft: Gibst du mir deine Stimmen heute, geb ich dir meine Stimmen das nächste Mal. Das ist Sportpolitik!

Also Franz, wenn du wirklich die Weltmeisterschaft nach Deutschland holen willst, geht das wie folgt: Deutschland zieht zurück, im Gegenzug verspricht England die europäischen Stimmen für 2014. England verzichtet dann ebenfalls, weil Südafrika die afrikanischen Stimmen für 2018 bietet. Südafrika zieht schließlich auch zurück, weil es sich damit schon der asiatischen, süd- und nordamerikanischen Stimmen für 2014 sicher weiß. Das Stimmenpaket Deutschlands wird vorsichtshalber noch einmal um acht Jahre verschoben. Nun ist alles geregelt. Marokko bekommt die nächste Weltmeisterschaft, und Deutschland kann sich auf die Ausrichtung der WM 2022 freuen.

Deutschlands Fußballfreunde müssen sich somit noch ein bisschen gedulden. Aber das ist ja vielleicht ganz gut so, denn bis 2022 können noch ein paar Stadien umgebaut werden. Und eine vernünftige Nationalmannschaft gibt es dann vielleicht auch schon.

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