• WM 2006: Leipziger "Stadion der Hundertausend" wird rekonstruiert - Ein Ort der Geschichte mit rosiger Zukunft

Sport : WM 2006: Leipziger "Stadion der Hundertausend" wird rekonstruiert - Ein Ort der Geschichte mit rosiger Zukunft

Heinz-Florian Oertel

Der deutsche Sieg bei der Vergabe der Fußball-WM in Zürich liefert auch Leipzig den lang erhofften Erfolg. Endlich wird das Zentralstadion, auch als Deutschlands größte Arena "Stadion der Hunderttausend" genannt, rekonstruiert. Nach den DFB-Absichten sollen 2006 WM-Spiele dort ausgetragen werden. Das erinnert an die 40-jährige Geschichte des Stadions in der Stadt des ersten Deutschen Fußballmeisters, VfB Leipzig, 1903. In nur 15 Monaten wurde die gewaltige Ovalschüssel vom April 1955 bis August 1956 aus dem Boden gestampft. 40 000 Kubikmeter Erdmassen mussten gebaggert werden, 180 000 freiwillige Helfer waren dabei. Eine beeindruckende Leistung vieler, die zur Einweihung beim 2. Deutschen Turn- und Sportfest der DDR, vier Monate vor Olympia in Melbourne, von 100 000 Besuchern gefeiert wurden.

Zum Premieren-Fest gab es in der Arena den ersten Weltrekord. Henning - Stubnick - Birkemeyer - Mayer sprinteten die 4 x 100 - m - Staffel in 45,2 Sekunden. Ich schilderte das und vieles andere danach, was vor allem Leichtathleten und Fußballspieler schafften. So die Hürdensprint-Weltrekorde von Gisela Birkemeyer und Karin Balzer. Birkemeyer fegte 1960 in 10,5 Sekunden über die 80-m-Strecke, und Karin Balzer, Mutter von Falk Balzer, stellte zwei ihrer sieben Weltrekorde in diesem Stadion auf. Den über 80 Meter 1964 (10,5 egalisiert) und den über 100 Meter 1969 mit 13,0 Sekunden.

Und ich muss nicht lange überlegen, um mit Stecher, Koch, Beyer andere Namen großer Leichtathleten zu nennen, die im Zentralstadion Erstklassiges boten und immer wieder zehntausende begeisterten. Rolf Beilschmidt, heute Olympiastützpunktleiter für Thüringen in Jena, warf 1978 bei den DDR-Meisterschaften mit seinem Hochsprungrekord von 2,31 m unseren Fernsehübertragungsplan über den Haufen. In der Südkurve unterhielt er bis zum Dunkelwerden 20 000 mit seinem Solo-Programm.

Wahrscheinlich die noch stärkeren Kapitel schrieben jedoch die Fußballspieler. Über 40 der 293 DDR-Länderspiele gingen im "Stadion der Hundertausend" - übrigens alles Sitzplätze! - über die Bühne. 1957 das erste mit dem 2:1-Sieg von Spickenagel - Buschner, B. Müller - K. Wolf, Schoen, S. Wolf - Meyer, Schröter, Tröger, Kaiser, Wirth über Wales. Zigmal schilderte oder kommentierte ich dort Aktionen mit den besten Teams der Welt: beim 1:0 über die UdSSR-Elf, beim 4:1 über Schweden, 1:1 gegen England, 1:0 mit Uruguay, 2:1 über Frankreich ... Ein spezieller "Kracher" war das 4:3 über die Niederländer. Dazu Pokalspiele, Europacup-Partien, Freundschaftsspiele wie jenes von Wismut Aue gegen den 1. FC Kaiserslautern mit Fritz Walter.

Geschichten aus der Geschichte einer Sportstätte, die nun WM-Stadion wird. So ist es versprochen, und hunderttausende Fußballfans der Region erwarten den Umbau ebenso ungeduldig und dankbar wie den Kartenvorverkauf. Zukunftsmusik? Ja. Aber mit realistischem Hintergrund - wenn alle Wort halten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben