Sport : WM 2006: Tag der Entscheidung

Markus Huber

Am heutigen Donnerstag gegen 14 Uhr entscheidet sich, wer die Fußball-WM-Endrunde 2006 ausrichten darf. Im Folgenden zehn Gründe, warum Deutschland den Zuschlag bekommen sollte.

1. Wegen der Arbeitsplätze

Wirtschaftsaufschwung hin oder her - Ein paar Arbeitsplätze, vor allem im Osten, vor allem am Bau, würden niemandem schaden. Oder, Herr Holzmann?

2. Wegen des Tourismus

"Urlaub bei Freunden, Urlaub in Deutschland" - zugegeben, klingt schräg, sogar für Deutsche. Wie sonst wäre es zu erklären, dass auf Mallorca das "Eisbein" die "Paella" als Nationalgericht abgelöst hat? Aber wenn erst einmal die WM nach Deutschland kommt, wird alles anders. In Spanien zunächst einmal: Eisbein gestrichen, Weißbier aus, Paella und Frei-Rioja für alle. Allein deswegen ist es so gut wie gegessen, dass Deutschland die Stimmen der Spanier bekommt. Aber auch in Deutschland selbst. Einige, bislang völlig zu Unrecht touristisch wenig erschlossene Gebiete erhoffen sich einen Aufschwung als Ferienregion. Laut Informationen des NRW-Tourismusministers werden ab Sommer 2005 die Kampagnen "Ruhen im Ruhrgebiet" und "Dortmund: Die Symbiose aus Stahl und Stadion" plakatiert.

3. Wegen der Nationalmannschaft

Der deutsche Fußball ist nicht mehr das, was er vielleicht einmal war. Ein "Neuanfang" muss her, möglichst rasch, möglichst neu. Dafür braucht es ein Ziel. Und, mal ehrlich, das kann nicht die WM 2002 in Japan sein. Japan! Guckt ja keiner zu, so früh am Morgen. Eine WM zu Haus ist da schon besser. Vor allem, weil man bei einer Niederlage den Frust nicht in "Kirin"-Bier ersäufen muss.

4. Wegen Gerhard Schröder

Nicht vergessen, der Mann hat Wahlen. 2002. Und dafür braucht er dringend einen wirklichen Erfolg. Irgendetwas Greifbares, nicht bloß Steuern, Modernisierung und Schwulenehe. Etwas womit er, falls Angela Merkel kommt, in die Geschichtsbücher passt. Kanzler der Wiedervereinigung kann er nicht mehr werden, Kanzler der Expo will er nicht mehr werden, Kanzler der erfolgreichen WM-Bewerbung? Das wär doch was!

5. Wegen Europa

Zurzeit sagen nur die Franzosen, wo es langgeht in der Union. Ob und wie lange es die Sanktionen gegen Österreich noch geben soll, zum Beispiel. Wenn Deutschland nun den Zuschlag für die WM bekäme, hätte die Regierung bei den 14 anderen EU-Staaten einen Stein im Brett. Weil, wie würden die anderen es zu Hause verantworten, wenn die WM erst in Japan, dann in Südafrika und schließlich 2010 in Brasilien über die Bühne geht? 14 Jahre kein Weltfußball in der alten Welt? Nein, danke!

6. Wegen des Image

Sympathieträger ersten Grades sind die Deutschen - weltweit gesehen - nicht unbedingt. Sportlich gesehen wurden sie früher noch gefürchtet - aber seit Boris Becker zurückgetreten ist und Portugal in Rotterdam gegen Deutschland den zweiten Ersatztorwart (!) einwechselte, ist nicht mal mehr mit Angst Staat zu machen. So eine WM wäre eine gute Gelegenheit, sich ein neues Image zu verpassen - etwa das des netten Gastgebers, der alle Gegner gewinnen lässt.

7. Wegen des deutschen Kleinklimas

Okay, auch bei der WM wird viel Wessi-Geld in den Osten gepumpt. Aber dieses Mal sehen sie, was sie dafür bekommen. Ein neues Stadion in Leipzig. Wenn Dortmund weiter so spielt wie zuletzt, werden die BVB-Fans sich in zwei Jahren das neue Leipziger Stadion sogar aus nächster Nähe anschauen können. Beim Auswärtsmatch in der Regionalliga Nord gegen den VFB.

8. Wegen des Revanchismus

50 Jahre danach: Deutschland rächt sich am Big Mac! Currywurst wird international!

9. Wegen der Ausländer

Unglaublich, wie viele Ausländer aus nicht EU-Staaten der Innenminister während der WM einreisen lassen wird. Und alle wollen das Land nach wenigen Wochen wieder verlassen. Falls sie noch können, und sie nicht in Leipzig abends ohne Polizeischutz in eine Telefonzelle gehen. Aber vielleicht wird dieser verwegene Schritt dann sogar wieder möglich sein. Denn in den Jahren vor der WM wird Deutschland von der internationalen Staatengemeinschaft sicher ganz genau beobachtet werden. Und das ist auch nicht schlecht.

10. Wegen der deutschen Paranoia

Wenn Deutschland die WM-Endrunde bekommt, dann haben sich Südafrika und Brasilien nicht verschworen oder gemauschelt, um den Deutschen ihren Fußball wegzunehmen. Dann ist alles in Ordnung, ist Deutschland immer noch eine Macht. Dann müssen sie nur noch: Fußballspielen lernen.

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