WM 2006 : Zum Festhalten

Der WM-Spickzettel von Jens Lehmann, der die Argentinier beim Elfmeterschießen irritierte, hängt jetzt im Museum. Eine Würdigung von Helmut Schümann

Lehmann
Der ominöse Zettel vom Viertelfinale wird im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt. -Foto: ddp

Fußballspieler sind in der Regel eher keine Männer des Wortes. Schon gar nicht des geschriebenen Wortes. Taktikschulung an der Tafel? Da schlafen sie meist ein. Und was war das kürzlich für ein Hallo, als der eine oder andere Trainer seine Kicker zu einem Besinnungsaufsatz zum Thema Vereinsliebe aufforderte. So gesehen kann es nur einen würdigen Platz geben für eine rare fußballerische Verschriftlichung: Das Haus der Geschichte!

Dort hängt er nun, der Spickzettel. Der Spickzettel, weil er einmalig ist, einzigartig, der Elfmeterschießen-Gewinnzettel, der Jens-Lehmann-Elfmeterkiller-Zettel. Für die wenigen, die diesen denkwürdigen Fetzen Papier nicht mehr so in Erinnerung haben, obwohl das eigentlich nicht geht, weil dieser Zettel „Teil des kollektiven Gedächtnisses der deutschen Sportgeschichte“ geworden ist, wie Hans Walter Hütter, der Direktor des Bonner Museums anmerkte – also, für die wenigen Ignoranten eine kurze Rückblende: Es war im wunderbarsten Sommer der wunderbarsten Weltmeisterschaft. Die Argentinier und die wunderbare deutsche Mannschaft konnten sich im Viertelfinale nicht auf einen Sieger einigen, es kam zum Elfmeterschießen. Jens Lehmann, dieser Teufelskerl im Tor, griff zum Stutzen, er holte etwas aus dem Socken, er schaute auf das Etwas, dann hielt er, dieser Teufelskerl, zwei Elfmeter.

Der Spickzettel! Wie bei der Lateinarbeit standen ein paar Vokabeln darauf, in diesem Fall die Namen der möglichen argentinischen Elfmeterschützen und daneben ihre Entsprechung, „lange warten, langer Anlauf, rechts“ zum Beispiel. So gewappnet konnte nichts mehr schief gehen. Die Argentinier waren irritiert.

Das Beste: Der Trick konnte nicht einmal als Täuschungsversuch gewertet werden. Er war gleichermaßen die spektakulärste und dabei legale Unterstützungsmaßnahme, seit der Fußball rollt. Es hat die Hand Gottes gegeben, jene vorgebliche Einmischung höherer Kräfte, die seinerzeit in Mexiko Diego Maradona zum Kopfballtor gegen die Engländer verhalf. Aber das war nur die Hand des Fußballgottes, es war Maradonas Hand, und nicht mal der darf sie beim Fußball benutzen. Klarer Täuschungsversuch. Es hat die Engländer selbst gegeben, die 1966 die Unterstützung dieses Linienrichters annahmen, dieses Soffjets, Bachramow geheißen und ein kalter Krieger gewesen. Spektakulär war es ja schon, kein Tor zum Tor zu erklären. Aber war es auch legal? Nein, nimmer!

Der Spickzettel aber war es. Und deswegen hängt er jetzt zurecht, ersteigert für eine Million Euro zu Gunsten „Ein Herz für Kinder“ von einem Energiekonzern und dann gestiftet, im Haus der Geschichte zu Bonn und kündet vom wunderbarsten Sommer der wunderbarsten Weltmeisterschaft in einem fintenfreien, offenen und fröhlichen Land. Ein Fetzen Papier nur. Wie schön.

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