WM 2014 : Argentinien glaubt dank Messi an den WM-Titel in Brasilien

Argentinien gilt eigentlich immer als Titelfavorit, ist aber seit 1990 nicht mehr über das WM-Viertelfinale hinauskommen. Auch diesmal glaubt das Land an den Triumph, weil Trainer Alejandro Sabella das Team klug umgestellt hat - und Lionel Messi alles geben will.

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Verdammt und vergöttert. Das Verhältnis der Argentinier zu Lionel Messi war nicht immer unbelastet.
Verdammt und vergöttert. Das Verhältnis der Argentinier zu Lionel Messi war nicht immer unbelastet.Foto: afp

Es ist ein Samstagabend im Juni, als in den Kneipen, Bars und Cafés von Buenos Aires Rio die Farbenlehre außer Kraft gesetzt wird. Eigentlich ist der Fußballalltag hier klar geregelt. Entweder Weiß-Rot oder Blau-Gelb, River Plate oder Boca Juniors, dazwischen gibt es nichts. Zwei Fußballklubs, zwei Weltanschauungen – ein friedliches Miteinander ist so schwer vorstellbar wie zwischen Feuer und Wasser.

Genau das aber geschieht an diesem Samstagabend in Buenos Aires. Im Fernsehen läuft eine Übertragung aus Mexiko, wo River und Boca während einer Promotiontour ihren Superclásico ausspielen. Vor dem Spiel laufen die Spieler beider Mannschaften Hand in Hand auf den Rasen, hinter einer riesigen blau-weißen Fahne, auf der „Vamos Argentina!“ geschrieben steht. „Si, si! Vamos, vamos!“, brüllen Weiß-Rot und Blau-Gelb in den Kneipen und Bars und Cafés von Buenos Aires. Die bevorstehende WM in Brasilien setzt so viel Adrenalin frei, dass selbst die Boca-Fans ein bisschen leben können mit der Niederlage im Elfmeterschießen.

Am Sonntag geht es im ersten WM-Spiel in Rio de Janeiro gegen Bosnien-Herzegowina, aber Rio ist weit weg. Im Fernsehen läuft River gegen Boca und auf der Plaza de Mayo schaut Lionel Messi von einem Plakat in Überlebensgröße den Veteranen des Falklandkrieges beim Demonstrieren zu. In Buenos Aires wird eigentlich immer und überall demonstriert. Aber dass ausgerechnet zur WM und direkt vor dem Präsidentenpalast „das unvergessene Blut unsrer Helden“ beschworen wird, ist schon bemerkenswert. Denn der Falkland-Krieg hat den Argentiniern schon mal eine WM verhagelt.

32 Jahre nach dem Krieg engagiert sich Argentinien für die Falkland-Inseln

Das war 1982 in Spanien, fünf Jahre vor Lionel Messis Geburt. Im April besetzten argentinische Truppen die Inseln, ein paar Wochen später wurden sie vom britischen Expeditionscorps wieder vertrieben, und ein paar weitere Wochen später reiste die Nationalmannschaft zur Verteidigung des 1978 daheim gewonnenen Titels nach Spanien. Wenige Argentinier haben damals an Fußball gedacht und fast alle an die Malvinas. Es war Diego Maradonas erste WM, und sie endete mit einem Desaster. Für Argentinien mit dem Ausscheiden in der Zwischenrunde, für Maradona mit einer Roten Karte im letzten Spiel gegen Brasilien.

Auch 32 Jahre nach dem Krieg engagiert sich Argentinien für die Malvinas noch so leidenschaftlich wie sonst nur für Fußball. Jede größere Stadt hat ihr Malvinas-Denkmal, in Buenos Aires steht eines an der Autopista kurz hinterm Flughafen Ezeiza auf dem Weg ins Zentrum. Ganz in der Nähe liegt das Trainingszentrum der Nationalmannschaft. Sie soll beim Lieblingsfeind Brasilien das Ansehen der Nation mehren und hat dabei sehr viel bessere Aussichten, als sie die Nation im Südatlantik besitzt.

Fußball ist in Argentinien seit jeher mehr als nur Fußball gewesen. Manchmal Politik wie 1978, als sich die Militärs ein bisschen länger an der Macht halten konnten, weil die Nationalmannschaft das Volk mit dem WM-Sieg ruhigstellte (wozu auch ein wahrscheinlich gekaufter Sieg über Peru beitrug). Und immer ist Emotion im Spiel bis hin zur nackten Gewalt. Am deutlichsten wird das bei der Feindschaft zwischen River und Boca. Mehr als 100 Menschen haben ihr Leben gelassen bei den Auseinandersetzungen beider Klubs. Diego Maradona – er hatte ein Angebot von River und ging zu Boca – beschreibt die Rivalität in der ihm eigenen Weise: „Gegen River zu gewinnen ist so, als würdest du mit Julia Roberts ins Bett gehen.“

Lionel Messi in diesen Tagen in ganz Argentinien allgegenwärtig

Interessanterweise kommt der Mann, auf den ganz Argentinien hofft, weder von River noch von Boca, sondern aus Rosario. Und doch ist Lionel Messi in diesen Tagen auch in Buenos Aires allgegenwärtig. Überall hängen riesige Plakate, sie präsentieren Messi im blau-weiß-gestreiften Trikot und dem Versprechen: „Ich liebe Argentinien!“

Auch das ist Politik.

Messis Beziehung zur Heimat ist kompliziert. Er hat Argentinien schon als Kind verlassen, weil der FC Barcelona ihm eine Hormonbehandlung gegen seine Wachstumshemmung finanzierte. Selten hat er in der Nationalmannschaft sein beim FC Barcelona zelebriertes Niveau erreicht. 2011, als er bei der Copa America daheim aufspielte und mit Argentinien schon im Viertelfinale rausflog, da haben ihn die blau-weißen Fans ausgepfiffen.

Vor der Abreise nach Brasilien ist Messi in Vorleistung gegangen und hat seine Landsleute wissen lassen, dass „ich alle Titel dafür eintauschen würde, wenn ich mein Land glücklich machen könnte“. Die Nationalmannschaft hat Argentinien zuletzt nicht besonders glücklich gemacht. Zuletzt reichte es 1990 bei einer WM zu einer Qualifikation über das Viertelfinale hinaus, und auch Messis Bilanz fällt bescheiden aus. 2006 war er noch zu jung und saß auf der Bank, als Argentinien im Viertelfinale von Berlin an Deutschland scheiterte. Vier Jahre später manifestierte sich vor allem an ihm das 0:4-Desaster im Viertelfinale von Kapstadt, abermals gegen die Deutschen. Messi war die große Enttäuschung dieser hoch talentierten Mannschaft, deren Pech es war, dass ihr Diego Maradona als Trainer vorstand. Ein Autodidakt, der mit Nachdruck warb für die These, nach der ein großer Spieler nicht unbedingt ein großer Trainer sein muss. Als Sinnbild seines Argentiniens steht bis heute die Erkenntnis von Bundestrainer Joachim Löw, nach der „diese Mannschaft in zwei Teile zerfällt“, also im eigentlichen gar keine Mannschaft war.

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