WM 2014 : Aufgeschäumte Schiedsrichter-Kritik

Die WM ist erst wenige Tage alt, doch schon stehen die Schiedsrichter in der Kritik. Viele fordern, nur die Besten sollten pfeifen, und meinen damit Europäer. Eine unnötig aufgeschäumte Debatte, meint unser Autor. Ein Kommentar.

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Qué? Die Spanien um Torwart Iker Casillas können nicht verstehen, wie Schiedsrichter Nicola Rizzoli (r.) das Foulspiel vor dem 3:1 der Niederländer übersehen konnte.
Qué? Die Spanien um Torwart Iker Casillas können nicht verstehen, wie Schiedsrichter Nicola Rizzoli (r.) das Foulspiel vor dem 3:1...Foto: dpa

Verdammt, dieser Italiener! Der verdirbt einem aber auch alles! Was hätte man nicht wieder motzen können, über diese Schiedsrichter aus Fußball-Entwicklungsländern, die zur WM dürfen und dort erneut nur durch Fehler auffallen. Aber dann spricht dieser Nicola Rizzoli den Spaniern einen unberechtigten Elfmeter zu und übersieht ein Foulspiel am Torwart vor dem 3:1 der Niederländer. Dennoch wird die Debatte über schwache Schiedsrichter geführt, in Medien, im Netz und vor den Bildschirmen, schon nach zwei Tagen WM. Für gewöhnlich kommen die alten Diskussionsmuster erst einige Tage später auf.

Dabei landen sie alle in einem Topf: Rizzoli, der Japaner Yuichi Nishimura, der Brasilien einen Elfmeter im Eröffnungsspiel schenkte, und der Kolumbianer Wilmar Roldan, der Mexiko zwei Tore wegen Abseits verweigerte. Alles Fehlentscheidungen, klar, aber getroffen von einzelnen Menschen in einzelnen Spielen. In einen Zusammenhang geraten sie erst durch die zeitliche Nähe.

Keine von ihnen hat ein Spiel entschieden, ihm höchstens eine Wendung gegeben. Dass dennoch die ersten Verschwörungstheorien aufkommen, wie etwa eine Bevorteilung des Gastgebers, entlastet die Schiedsrichter nicht. Im Gegenteil, es unterstellt Korrumpierbarkeit, der schlechte Leumund ihres Weltverbandes färbt auf sie ab.

Zwei Neuerungen helfen dabei kaum. Bei jedem noch so unstrittigen Treffer wird die Torlinientechnik im Fernsehen vorgeführt, wie ein Monolith der High-Tech-Unfehlbarkeit. Schaumspray korrigiert nichtige Abstände. Die strittigen Wiederholungen dürfen sich Schiedsrichter aber als Einzige weiter nicht auf der Videoleinwand anschauen. Bei

99 Prozent aller Entscheidungen sind die Gespanne weiter auf den Augenschein im Sekundenbruchteil angewiesen.

Der Dauerlauf in Brasiliens Hitze schwächt ihre Konzentration nicht weniger als die der Spieler. Hauptsache, die Zuschauer können sich daheim zur besten Sendezeit empören.

Doch lebt wieder der alte Vorwurf auf, dass Schiedsrichter nicht nach Leistung, sondern nach Proporz und Herkunft ausgewählt sind. Dabei werden sie auch in ihren Verbänden und von der Fifa streng beurteilt, vor oder im Turnier aussortiert. Das kommt aber nicht an, weil die Offiziellen nur intern Fehler klar benennen, nie öffentlich.

Das schürt die Empörung mehr als sie einzudämmen.

Dass der Fußball in Kolumbien und Japan nicht langsamer läuft als andernorts, wird die weitere WM zeigen. Roldan hat bei mehreren internationalen Turnieren gepfiffen, Nishimura bei der letzten WM. Das hat ihnen im Einzelfall soviel geholfen wie Rizzoli das Champions-League-Finale Bayern gegen Dortmund. Es ist Ansichtssache, ob die

91 Unparteiischen aus 41 Ländern wie die Teams die Vielfalt der Welt abbilden müssen. Aber wer sagt „Nur die Besten sollten zur WM, egal woher sie kommen“, der denkt oft an sieben Europäer und einen Südamerikaner. Aber verdammt, dieser Italiener. Dominik Bardow

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