WM 2014 : Benedikt Höwedes - von wegen Schwachpunkt!

Verteidiger Benedikt Höwedes ist einer der großen Gewinner in der deutschen Nationalmannschaft. Im WM-Finale am Sonntag soll er mithelfen, Argentiniens Star Lionel Messi zu stoppen.

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And the winner is: Benedikt Höwedes.
And the winner is: Benedikt Höwedes.Foto: dpa

Benedikt Höwedes hob die linke Augenbraue, auf seinem Gesicht machte sich ein leichtes Schmunzeln bemerkbar. Es war kein freudiges Schmunzeln, es war eher ein sarkastisches.

Auf diese Frage schien er gewartet zu haben, auf dieses Schlüsselwort. Schwachpunkt. Er, Höwedes, sei ja vor der Weltmeisterschaft als Schwachpunkt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ausgemacht worden, weil er, Rechtsfuß und gelernter Innenverteidiger, von Bundestrainer Joachim Löw aushilfsweise als Außenverteidiger auf der ungewohnten linken Seite aufgeboten wird. „Das mit dem Schwachpunkt muss mir jemand erklären“, antwortete Höwedes also, nachdem seine Augenbraue wieder ihre Ausgangsposition eingenommen hatte. „Natürlich bin ich kein Roberto Carlos, der großartige Flanken schlägt, aber defensiv erfülle ich immer meine Aufgabe. Wir wären nicht im Finale, wenn ich nur Fehler gemacht hätte.“

Benedikt Höwedes, 26 Jahre alt, Kapitän des Bundesligisten Schalke 04, hat seine Aufgaben zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllt – vor allem zu der des Bundestrainers. Das sieht man auch daran, dass er einer von nur drei deutschen Spielern ist, die in jedem der sechs bisherigen WM-Spiele von der ersten bis zur letzten Sekunde auf dem Feld gestanden haben. Bei Manuel Neuer, Deutschlands Nummer eins, und Philipp Lahm, dem Kapitän, war das nicht anders zu erwarten. Aber Benedikt Höwedes? Bei ihm war es nicht mal sicher, ob er es überhaupt in den Kader für die Weltmeisterschaft schaffen würde, nachdem er den Großteil der Rückrunde wegen einer Verletzung verpasst hatte. Erst am letzten Spieltag wurde er kurz vor Schluss wieder eingewechselt – gerade noch rechtzeitig.

Höwedes ist nicht nur einer der großen persönlichen Gewinner im deutschen Team, er steht auch fast sinnbildlich für den Weg der Mannschaft, der sie nun schon bis ins Finale von Rio de Janeiro geführt hat – gegen alle Widerstände. Und irgendwie auch gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Man muss ja nur noch einmal an die Anfänge der Vorbereitung erinnern: an das Trainingslager in Südtirol, die nicht-sportlichen Nebengeräusche, die Zweifel um die angeschlagenen Bayern-Spieler Lahm, Neuer und Schweinsteiger, die Ungewissheit bei Sami Khedira, den Ausfall von Marco Reus im letzten Testspiel vor dem Abflug.

Vom potenziellen Achtelfinal-Ausscheider zum WM-Favoriten in nicht mal 50 Tagen

Und trotzdem gilt die Nationalmannschaft als Favorit, wenn am Sonntag im legendären Maracana um 16 Uhr Ortszeit das Finale der 20. Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wird. Zum dritten Mal heißt die Endspielpaarung Deutschland gegen Argentinien, das hat es in der Geschichte des Turniers noch nicht gegeben. 1986 siegten die Südamerikaner, 1990 gewann die Nationalmannschaft. Und 2014? „Deutschland wird Weltmeister, Argentinien hat keine Chance“, hat Hollands Stürmer Arjen Robben verkündet – nachdem er gerade das Halbfinale gegen Argentinien verloren hatte.

Vom potenziellen Achtelfinal-Ausscheider zum WM-Favoriten in nicht mal 50 Tagen. „Was sich in diesen Wochen, von Südtirol bis jetzt, in der Mannschaft getan hat, ist sensationell“, sagt Löws Assistent Hans-Dieter Flick. „Das ist Wahnsinn.“ Im Grunde gilt das auch für Benedikt Höwedes, der wie die gesamte Mannschaft im Laufe des Turniers an seinen Aufgaben gewachsen ist. Als „unfassbar und großartig zugleich“ empfindet der Schalker das Erlebnis WM. „Natürlich habe ich ein bisschen gebraucht, um mich in diese Position hineinzufinden“, sagt er. „Aber ich glaube, dass ich der Mannschaft mit meiner defensiven Präsenz geholfen habe.“

Defensive Präsenz wird auch am Sonntag gefragt sein, wenn die Deutschen auf jene Mannschaft treffen, deren Trainer Alejandro Sabella vor dem Turnier gefeiert wurde, weil er fünf echte Stürmer in seinen WM-Kader aufgenommen hatte. In der Praxis aber hat sich die Offensivkraft der Argentinier zuletzt weitgehend auf Lionel Messi beschränkt. Doch auch den wird die Nationalmannschaft im Finale erst einmal in den Griff bekommen müssen. „Messi ist ein fantastischer Spieler“, sagt Benedikt Höwedes. „Den kann kein Einzelner in Schach halten, den müssen wir als Kollektiv schlagen. Ich werde hoffentlich meinen Beitrag dazu leisten können.“

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