WM 2014 - Brasiliens Legende Zico : Zico: Der tragische Held

Zico steht für eine große Generation von brasilianischen Fußballspielern. Aber der Weltmeistertitel blieb ihm verwehrt. Heute ist er Trainer - und schwärmt von der deutschen Mannschaft.

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Legendäre Nummer zehn: Zico am Ball für die brasilianische Nationalmannschaft - ein WM-Titel blieb ihm aber verwehrt.
Legendäre Nummer zehn: Zico am Ball für die brasilianische Nationalmannschaft - ein WM-Titel blieb ihm aber verwehrt.Foto: imago

Ach ja, das schöne, alte Trikot. Schwarz-rote Querstreifen, Zico hat sie sein halbes Leben lang getragen, zwischen 1971 und 1989. Es war eine Epoche, in der Brasilien wunderschönen Fußball spielte, und keiner steht so sehr dafür wie Artur Antunes Coimbra, den sie alle Zico nennen. Die besten Brasilianer spielten damals noch in Brasilien, in Sao Paulo für den FC, Corinthians oder Palmeiras, in Rio de Janeiro für Fluminense, Botafogo oder den Clube de Regatas do Flamengo, den größten und populärsten Klub des Landes. Zico war nicht nur Brasilien. Zico war Flamengo und Flamengo war Zico. Heute, im WM-Halbfinale von Belo Horizonte, spielt Brasilien gegen Flamengo.

Ist schon komisch, findet Zico, und natürlich freut er sich, wenn die Kameras sein geliebtes Schwarz-Rot in die ganz Welt ausstrahlen. Aber in dieser Konstellation? Die Seleçao brasileira tritt wie gewohnt in ihren gelb-blauen Leibchen an, die Mannschaft von Joachim Löw dagegen hat ihre Auswärtstrikots im Stil Flamengos gestaltet. Eine clevere Idee des Ausstatters mit den drei Streifen, er hat auch Zico unter Vertrag. Aber Verpflichtungen hin, Flamengo her, „im Halbfinale spielt Brasilien gegen Deutschland“, sagt Zico, „da muss ich für 90 Minuten die Farben vergessen.“

Zico: "Der Charakter der Deutschen hat sich stark geändert"

Die Dinge haben sich geändert, nicht nur farblich. Als Zico 1981 in Rio gegen Deutschland kickte, stand ihm 90 Minuten lang eine 20 Jahre junge Nervensäge namens Lothar Matthäus auf den Füßen. „Er hat mich das ganze Spiel nicht aus den Augen gelassen, ich habe schwer gelitten“, sagt Zico. „Heute hat sich der Charakter der Deutschen stark geändert. Da spielen Leute wie Boateng, Khedira, Özil Podolski oder Klose, die hätten auch für andere Länder spielen können, aber sie haben sich für Deutschland entschieden. Mir gefällt dieser Fußball, aber auch damals hatten die Deutschen gute Techniker“, ihm fallen auf die Schnelle zwei ein, auf die wohl nicht jeder Brasilianer kommen würde: „Littbarski und Müller, also: Hansi Müller.“

Zico ist jetzt 61 Jahre alt, das Hemd spannt und das Haar wird lichter, aber die Flamengistas verehren ihn immer noch. Ein bronzener Zico steht in der Eingangshalle des Klubgebäudes und wirft die Arme hoch zum Jubel. In den Siebzigern und Achtzigern hat er das Wort geprägt, nachdem ein in Perfektion ausgeführter Freistoß so hinreißend schön sei wie ein Gemälde. Zu Zicos Zeiten war der Fußball langsamer, aber er hat ihm besser gefallen. „Mehr Technik, weniger Physis.“

Im Zweikampf mit Uli Stielike 1982: "Der Charakter der Deutschen hat sich stark verändert", sagt Zico zur DFB-Elf 2014.
Im Zweikampf mit Uli Stielike 1982: "Der Charakter der Deutschen hat sich stark verändert", sagt Zico zur DFB-Elf 2014.Foto: Imago

Das ist so überraschend nicht, aber Zico widersteht der Forderung, seine Generation über alles zu stellen und die heutige Seleçao auf ihre leichtathletischen Qualitäten zu reduzieren. „Sicherlich pflegt diese Mannschaft einen pragmatischen Stil“, und ein bisschen mehr Kreativität in Gestalt von Persönlichkeiten wie früher Ronaldinho oder Kaká wäre schön. „Aber Felipao hat seine Vorstellungen, und er muss mit den Spielern auskommen, die da sind“. Und eines könne man dieser Mannschaft von Felipao, wie die Brasilianer ihren Nationaltrainer Luiz-Felipe Scolari nennen, ganz gewiss nicht absprechen: „Sie hat Siegermentalität, das passt zu der heutigen Zeit, in der das Publikum nicht mehr Schönheit sehen will, sondern Erfolge.“

Neymar-Ausfall "in positive Energie umwandeln"

Den letzten Brasilianer mit Zico-Qualität haben die Kolumbianer im Viertelfinale aus dem Turnier getreten. Neymars Aus bedeute natürlich einen dramatischer Verlust, sagt Zico, aber nun sei es mit der Staatstrauer auch mal gut, „solche Dinge passieren im Fußball. Die Kolumbianer haben auch nicht rumgejammert, als Falcao vor der WM ausgefallen ist, und der war für ihr Spiel genauso wichtig wie Neymar für Brasilien. Trotzdem haben sie ein hervorragendes Turnier gespielt.“ In diesem Sinne sei es nun an der brasilianischen Mannschaft, den Ärger über Neymars Ausfall umzuwandeln in positive Energie, auf dass es am Sonntag zu einer großen Finalparty komme im Maracana von Rio de Janeiro.

Idol: Die Fans von Flamengo Rio de Janeiro haben ihrer Legende eine Statue errichtet - Zico spielte mit Unterbrechungen von 1971 bis 1989 beim Klub von der Copacabana.
Idol: Die Fans von Flamengo Rio de Janeiro haben ihrer Legende eine Statue errichtet - Zico spielte mit Unterbrechungen von 1971...Foto: Imago

So ein Triumph blieb Zico trotz aller Schönheit verwehrt. Bei der WM 1982 in Spanien führte er die beste Seleçao seit Pelés Zeiten an, aber in der Zwischenrunde gab es ein unfassbares 2:3 gegen die Minimalisten aus Italien und das Turnier war für Brasilien zu Ende. Vier Jahre später führte die Tragik der Auslosung Zicos Brasilianer schon im Viertelfinale mit Platinis Franzosen zusammen. In der Mittagshitze von Guadalajara boten beide Mannschaften 120 Minuten lang ein Spiel für die Ewigkeit. Zico wurde wegen einer Knieverletzung erst in der Schlussphase eingewechselt – und verschoss dann gleich einen Elfmeter, beim Stand von 1:1. Im finalen Entscheidungsschießen traf er zwar, dafür scheitern Socrates und Julio Cesar und wieder war Brasilien raus.

Natürlich hatte er diese Bilder vor Augen, als es 28 Jahre später wieder ins Elfmeterschießen ging. Diesmal schon im Achtelfinale gegen Chile. Diesmal hielten die Nerven, und es spricht viel Respekt aus Zicos Feststellung, „dass diese Mannschaft eine Siegermentalität hat. Sie will die WM unbedingt gewinnen“, und das sei auch der eigentliche Unterschied zu seiner Generation: „Wir haben vielleicht schöner gespielt, aber wir haben leider nichts gewonnen. Das wird sich diesmal ändern.“ Und wenn dafür heute auch das schöne Schwarz-Rot von Flamengo dran glauben muss.

Die Flamengistas verehren Zico immer noch und haben ihm ein lebensgroßes Denkmal errichtet

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