WM 2014 - das Turnier der Floskeln : Die absurden Sprüche-Trends der WM

Dieses Turnier liefert nicht nur spannende Spiele am Laufband, sondern auch Werbebotschaften in Spielersache und Floskeln in den Medien wie selten zuvor.

von
In Zähne gesetzt. CR7 - Ronaldos Künstlername klingt wie ein widerspenstiger Backenzahn uns ist dennoch in aller Munde. Foto: dpa
In Zähne gesetzt. CR7 - Ronaldos Künstlername klingt wie ein widerspenstiger Backenzahn uns ist dennoch in aller Munde.Foto: dpa

Die Gewinner dieser WM sind definitiv Zahnärzte und Postboten. Ihr Vokabular fristete lange ein verkanntes Dasein in den Praxen und Paketannahmestellen dieser Welt, bis es von einer Gruppe eifriger Sportjournalisten entdeckt und zweckentfremdet wurde. Bei jedem WM-Spiel warnen Kommentatoren in ihren gestelzten taktischen Spielanamnesen vor Vertikalpässen in die Zwischen- und Halbräume. Dieser Trend muss der Innung der Dentisten wahre Freudentränen in die Augen treiben, hatten ihre Vertreter doch seit Jahrzehnten stets bei der Zahnpflege auf die Bedeutung der Zwischenräume hingewiesen. Morgens vertikal, abends Elmex.

Und da wäre ja noch Cristiano Ronaldo, der mit findigen PR-Gurus vor Jahren den Markennamen „CR7“ – eine Kombination seiner Initialen und Rückennummer – ersonnen hat. Diesen Quatsch auf die Spitze trieb Mesut Özil, der sich fortan nur noch „M1Ö“ nannte. Das erinnerte mehr an Sicherheitsabfragen auf sensiblen Internetseiten, „CR7“ übte hingegen eine ungeahnte Anziehungskraft auf die Sportjournalisten aus. Allein der „Kicker“ wurde süchtig danach: „CR7 und die anderen“, „Klinsmann freut sich auf CR7“, „Müller radiert CR7 aus“, „Schreckliches Turnier endet für CR7 bitter“ usw. Dabei klang „CR7“ mehr wie ein besonders widerspenstiger Backenzahn, den selbst der Schiedsrichter und Zahnarzt Markus Merk „MM90+4“ (Kombination aus Initialen und der überflüssigsten Nachspielzeitlänge in der deutschen Fußballgeschichte) nicht in den Griff bekommt. Auch die Postboten können sich freuen. Früher waren sie es, die liefern mussten. Das war einmal. „Löw muss liefern“, forderten Bela Rethy und Marcel Reif in der „Zeit“. „Morgenpost“, „FAZ“, „ZDF“ stimmten ohne Zögern in die Lieferforderung an Löw mit ein. Damit nicht genug: „Es war klar, Brasilien musste liefern“ (ARD), „Die Holländer waren gefordert, sie mussten liefern“ (Steffen Simon), „Messi: Endlich abgeliefert“ (taz) usw. Löw, Messi, Robben – in Brasilien trägt jeder sein Päckchen.

Das Ungetüm kommt wie so oft aus der Politik, seit Philipp Rösler 2011 ankündigte, die FDP werde liefern. Das Ende ist bekannt. Der Spruch wäre neben anderen Plattitüden Röslers („PR08/15“) komplett in Vergessenheit geraten, hätte nicht auch Sigmar Gabriel im letzten Jahr die Union zum Liefern aufgefordert. Und sowohl die Politik als auch der Fußball wetteifern um die konsequente Eliminierung von sinnhaften Sätzen. So eignet sich jemand nicht mehr zum Kanzlerkandidaten, nein, er oder sie „kann Kanzler“. Der Innenverteidiger Benedikt Höwedes „kann Linksverteidiger“. Thomas Müller („TMfalsche9“) hingegen kann locker, weil er hat Vertrag. Frankreich kann nix, denn Ribéry hat Rücken. Also sind wir nicht nur Papst, Oscar und kalte Progression – nein, ganz sicher, wir sind Halbfinale!

Worauf die Welt aber wie bei jedem Turnier vergeblich warten wird, ist die längst überfällige Schlagzeile: CR7 kann Lieferdienst.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben