WM 2014 : Der belgische Trainer: Jung, sexy – und furchtlos

Coach Marc Wilmots einte die Belgier für die WM in Brasilien und formte sie zum Geheimfavoriten, heute geht es ins erste Spiel gegen Algerien. Ein Trainer-Portrait.

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Er einte die Belgier, Trainer Marc Wilmots
Er einte die Belgier, Trainer Marc WilmotsFoto: dpa

Die Nummer 145 in der Avenue Houba de Strooperlaan in Brüssel schaut auf den ersten Blick aus wie ein Gesamtschulzentrum. Ein Zebrastreifen mit Ampelanlage und eine Spur für Fahrräder davor. Der Bau sachlich nüchtern – so etwas nennt man wohl Zweckbau. Einige Bäume, Büsche und Sträucher und ein großer Parkplatz. Wer nicht gut aufpasst, dem könnte entgehen, dass sich hier das Hauptquartier des „Koninklijke Belgische Voetbalbond“ residiert. Und Marc Wilmots, der Nationaltrainer.

Wilmots passt gut dorthin. Mit Prunk und Protz hat man den Mann, der allerlei Beinamen mit tierischem Zusammenhang trug, nie in Verbindung gebracht. „Stier von Dongelberg“ hieß er. Oder „Willi, das Kampfschwein“. Ob die Anleihen aus der Tierwelt mit Wilmots’ Elternhaus zu tun haben, weiß er selbst nicht. Der 45-Jährige ist Sohn eines Landwirt-Ehepaares. Anzug und geputzte Sonntagsschuhe holte man bei Wilmots südöstlich von Brüssel nur zum Gottesdienst aus dem Schrank. Wilmots kickte in der zweiten Liga, und trainierte nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag auf dem Hof. Nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Selbst als er 2003 für zwei Jahre als Senatsabgeordneter in die Politik ging, und dafür sein Traineramt beim FC Schalke 04 aufgab, fürchteten einige mehr seine leidenschaftliche Kämpfernatur als seine Fähigkeit, Kompromisse und Allianzen zu schmieden.

2014 ist die richtige Politik ebenso weit weg wie der Vorwurf, nur als „prominenter Stimmenfänger“ gedient zu haben. „Die Politik, das war zu früh“, sagt Wilmots. Nun ist er wieder da, wo er sich am wohlsten fühlt, im Fußball. Politik wird dort auch gemacht. Immerhin haftet Wilmots der Ruf an, eine Integrationsfigur zu sein – und ein Trainer mit Fortune. Den Ruf hat er weitgehend bestätigt, seit der langjährige Co-Trainer 2012 wie durch Zufall Chef der Nationalelf wurde. Sein Vorgänger trat damals zurück. Wilmots hat die „goldene Spieler-Generation“ des Landes geeint. „Ob Flame oder Wallone“, das sein kein Thema mehr in „unserer multikulturellen Truppe“, sagt er. Mit Fußball habe Wilmots ein Land geeint, das am Konflikt zwischen Flamen und Wallonen oft genug fast zerbrochen wäre. „Seit zwei Jahren ist das Stadion voll, wenn wir spielen. Vorher hätte selbst keiner die Freikarten genommen“, sagt Wilmots. Seinen offensiven Fußball lieben die Belgier. Mit dem Resultat, dass viele Trophäen seinen Weg bestätigen. „Die bekommst du nur für Arbeit und Realismus. Wenn sie dir viele Blumen überreichen, musst du auf dem Boden bleiben mit den Füßen.“ Deshalb predigt er Teamgeist. Und nochmal Teamgeist. Dass Belgien als Geheimfavorit gilt, kontert er mit dem Hinweis: „Meine Mannschaft hat wenig Turniererfahrung“. Gleichzeitig nennt er sie „jung und sexy“. Es sei eine Mischung aus Disziplin und Freiräumen, die das Betriebsklima so locker mache. „Im Schnitt sind die Spieler Anfang 20 - die wollen auch mal rumalbern.“

Fast die ganze Mannschaft steht bei renommierten Klubs unter Vertrag, fast ausnahmslos Führungsspieler. Nicht mal beim großen Nachbarn Niederlande wird mehr über Belgiens Fußball gespottet. Das hat natürlich Gründe. „Seit zwei Jahren sind wir in allen Bereichen professioneller geworden. Die medizinische Abteilung, beim Training, Reha – einfach alles“, sagt Wilmots. „Das gesamte Team funktioniert.“ Trotzdem seien andere Favorit: Deutschland, Spanien, Frankreich, Brasilien, Italien. „Wir haben aufgeholt, aber die haben andere Möglichkeiten. Wir müssen einfach ohne Angst spielen.“

Das passt zu Wilmots und seinen Erfahrungen. Zu denen von 1997, als er mit Schalke gegen Inter Mailand den Uefa-Cup gewann. Und zu denen, mit denen er in die Politik ging. „Ich wusste, dort bekommst du auch mal ein Messer in den Rücken, aber ich wusste, was ich kann, und hab mich in die Arbeit geworfen“, sagt er. Ein Erfolgsrezept, wie er glaubt. Auch für eine WM in Brasilien.

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