WM 2014 - Frankreich im Achtelfinale : Ist Frankreich ohne Ribéry erfolgreicher?

Vom Außenseiter zum heißen Tipp auf den Titel: Warum Frankreich ohne Ribéry aufblüht und welche Rolle Karim Benzema dabei spielt.

Ilja Behnisch
Applaus, Applaus. Frankreichs Mannschaft demonstriert in Brasilien ungewohnte Eintracht.
Applaus, Applaus. Frankreichs Mannschaft demonstriert in Brasilien ungewohnte Eintracht.Foto: AFP

Es gleicht einem Wunder, dass die französische Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft um den Einzug in das Viertelfinale kämpft. Nicht etwa, weil die Leistungen der Mannschaft im bisherigen Turnierverlauf so schlecht gewesen sind – ganz im Gegenteil. Die Franzosen gelangten ungeschlagen und spielerisch überzeugend durch die Vorrunde. Das Wunder ist vielmehr, dass sie überhaupt dabei sind in Brasilien. In der WM-Qualifikation belegten sie hinter Spanien nur Platz zwei und trafen in den Play-offs auf die Ukraine. Ein machbares Los für die stolze Fußballnation, so schien es. Doch im Hinspiel von Kiew setzte es eine 0:2-Niederlage, die in dieser Höhe noch schmeichelhaft war. Die Reaktionen in der Heimat fielen dementsprechend aus. „Alarmstufe Rot“, titelte die „L’Equipe“, sprach der Mannschaft jeglichen Charakter und ihrem Trainer Didier Deschamps einen nachhaltigen Plan ab. Für das Rückspiel in Paris wurden dann nicht einmal alle Karten verkauft. Die Zuschauer, die dennoch ihren Weg in das Nationalstadion von St. Denis fanden, glaubten vor Anpfiff wohl eher einer Beerdigung, denn einem Fußballwunder beizuwohnen. Doch es kam anders.

Mit 3:0 rollten die Franzosen über die bemitleidenswerten Ukrainer hinweg, spielten sich phasenweise in einen Rausch und qualifizierten sich vier Tage nach dem prophezeiten Aus doch noch für Brasilien. Und auch auf den Rängen passierte Unerwartetes. Mit dem Mute der Verzweiflung peitschten die Fans ihre Mannschaft nach vorne, wie es Beobachter nicht einmal bei der siegreichen Heim-WM 1998 erlebt haben wollen. Was immer passiert ist an diesem 19. November in Paris, mit dieser Mannschaft und ihren Fans, es trug die Franzosen in den acht Spielen seit dem Play-off-Hinspiel mit einem Torverhältnis von 26:3 von Sieg zu Sieg.

Kein Streit mehr, nur noch Harmonie

Schlagartig vergessen schienen die Streitigkeiten, die in den Jahren zuvor die Schlagzeilen beherrschten. Zwischen Trainerstab und Mannschaft, alten und jungen Spielern und solchen mit und jenen ohne Migrationshintergrund. Mit vorsichtigem Optimismus ging es nun in das Turnier. Ein Optimismus, der sich kurioserweise verstärkte, als klar war, dass Frankreich verletzungsbedingt auf Franck Ribéry, Europas Fußballer des Jahres, verzichten müsse. Mit ihm sei das französische Spiel zu leicht ausrechenbar, hallte es durch die Presse, zudem würden sich die anderen Spieler hinter ihm verstecken und nicht ihr ganzes Potenzial abrufen. Die „L’Equipe“ titelte in Anspielung auf Ribérys Ankündigung, diese WM wäre seine letzte, ohne großes Mitleid: „Ende des Romans.“ Und tatsächlich wirkt die Mannschaft seither wie von einer Last befreit.

Insbesondere Karim Benzema scheint wie ausgewechselt. Der Stürmer von Real Madrid, noch 2013 über mehr als 1200 Minuten ohne Nationalmannschaftstor, sprüht vor Spielfreude und trifft fast nach Belieben. „Wahrscheinlich ist er unser Schlüsselspieler“, mutmaßte Torwart Hugo Lloris folgerichtig. Auch Ribérys Ersatz im Mittelfeld, Mathieu Valbuena, präsentiert sich stark wie nie zuvor. Doch vor allem ist es die fast schon altmodisch anmutende mannschaftliche Geschlossenheit, die die Franzosen so stark aufspielen lässt. So sagte der erfahrenste Spieler des Kaders, Linksverteidiger Patrice Evra: „Ich habe viel Respekt vor unseren Gegnern, aber unser gefährlichster Gegner sind wir.“ Aktuell scheint das Binnenklima aber nicht nur wegen der sportlichen Erfolge intakt zu sein, wie Evra ergänzte: „Es läuft bei uns alles so gut, dass man fast schon Angst bekommt.“ Das lässt die Ansprüche steigen. Zeigten sich die Spieler vor Turnierbeginn noch zurückhaltend, gehen sie inzwischen in die Offensive. „Wenn wir den Titel nicht holen, wäre das für mich ein Scheitern“, sagte etwa Verteidiger Bacary Sagna. Und so viel scheint klar: Sollten sie den Titel holen, wäre es zumindest kein Wunder mehr.

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