• WM 2014: Helden im Sport: "Die WM-Fußballer glänzen durch spektakuläre Leistungen"

WM 2014: Helden im Sport : "Die WM-Fußballer glänzen durch spektakuläre Leistungen"

Der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette erklärt, wieso Sportler, anders als Politiker und Manager, zu Helden taugen – und wie man ganz schnell demontiert werden kann.

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Wir sind wieder wer.
Wir sind wieder wer.Foto: bpk / Hanns Hubmann

Herr Bette, nach dem Finale wird wieder über Legenden, über Helden gesprochen. Warum wird diese Bezeichnung immer wieder im Spitzensport benutzt?
Während Politiker, Manager oder Wissenschaftler ihre Handlungen hinter verschlossenen Türen abwickeln, finden sportliche Wettkämpfe in sichtbaren Räumen statt. In Stadien, Arenen und Sporthallen, wo das Handeln der Athleten bewusst breiten Zuschauermassen zugänglich gemacht wird.

Warum ist das wichtig?

Helden müssen nicht nur besondere Leistungen erbringen. Sie brauchen auch Beobachter, die ihr Handeln mitbekommen und es als besonders, als außergewöhnlich bezeichnen. Wer einsam große Taten erbringt, wird wahrscheinlich nie in den Heldenhimmel aufgenommen.

Ist das der einzige Grund?

Nein. Der Spitzensport profitiert auch davon, dass seine Wettkämpfe recht einfach konstruiert sind. Dadurch kann ein Weltpublikum den Sport wahrnehmen – und das trotz vorhandener Sprachbarrieren. Außerdem sind die Wettkämpfe spannend und relativ harmlos.

Harmlos – wie meinen Sie das?

Es geht nicht um Leben und Tod, Gewinn oder Ruin, sondern nur um Sieg oder Niederlage. Beim Publikum wird zwar ein Nervenkitzel erzeugt, weil es nicht weiß, wie das Spiel ausgeht. Doch ein Scheitern der eigenen Mannschaft führt nicht zum Scheitern der Zuschauer.

Und was macht den Sportler nun heldenhaft?

Sportler können deswegen als Helden wahrgenommen werden, weil ihr Erfolg auf der Grundlage von Disziplin, Training und jahrelangen Entbehrungen zustande kommt. Nicht auf der Grundlage ihrer Herkunft oder der Bereitschaft, Privates und Intimes ungehemmt öffentlich zu machen.

Die 54er-Weltmeister prägten
Die 54er-Weltmeister prägten

Nach dem Motto: Anstrengungen lohnen sich?

So kann man es sagen. Eine Mannschaft, die einen uneinholbar erschienenen Rückstand durch ihre hartnäckigen Bemühungen noch aufholt und am Ende siegreich das Spielfeld verlässt, zeigt dem Publikum, dass sich Leistungsbereitschaft und Teamarbeit in dieser Welt noch auszahlen.

Und was braucht ein Athlet noch, um ein Held zu sein?

Sportler wie die WM-Fußballer glänzen in der Regel durch spektakuläre Leistungen. Psychisch, physisch, taktisch. Einen lang anhaltenden Heldenstatus können sie aber erst erlangen, wenn sie stellvertretend für ihr Publikum erfolgreich waren. Damit können sie einer ganzen Nation Selbstbewusstsein verleihen.

Wie den Deutschen zum Beispiel 1954.

Vor allem damals, ja. In Zeiten der internationalen Ächtung gewannen die Menschen mit dem deutschen Weltmeistertitel wieder an Selbstwertgefühl. Das Motto hieß damals: „Wir sind wieder wer!“ Der Sportheld wird in einer solchen Zeit zu einer wichtigen Sozialfigur der Gesellschaft.

Und heute? Wie sehr spielen nationale Helden noch eine Rolle?

Viele Länder haben in den letzten Jahren Befugnisse nach außen abgegeben. An eine übergeordnete politische Instanz. Zum Beispiel haben sie auf ihre nationale Währung verzichtet. Deswegen sind Sportler wichtig für die Identifikation des Gesellschaftsmitglieder nach innen und eine Repräsentation der Gesellschaft nach außen.

Und wie kann ein Sportler seinen Status verlieren?

Der sportliche Wettkampf beruht auf selbstgesetzten Prinzipien der Verbände, die natürlich nicht folgenlos unterlaufen werden können. Wer sich zum Beispiel durch Doping, Wettbetrug oder andere illegale Formen Vorteile verschafft und erwischt wird, erzeugt Misstrauen und sabotiert die Glaubwürdigkeit des Spitzensports. Gefeierte Athleten können dann schnell aus dem Heldenhimmel herausfallen.

Bis die Skandale bekannt werden, dauert es aber meist lange.

Die Strategie des bewussten Wegsehens und der Selbsttäuschung ist beim Sportpublikum weit verbreitet, das ist richtig. Wohl auch deshalb, weil ein genaues Hinsehen auf die bisweilen inhumanen Praktiken im Spitzensport nicht nur den Heldennimbus mancher Athleten, sondern auch einen Teil der eigenen Sportbegeisterung zerstören würde.

Was folgt daraus?

Es ist nicht überraschend, dass sich sowohl die privaten als auch die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrer Kritik am Spitzensport stark zurückhalten, um ihre wichtigste Bezugsgröße, das Publikum, nicht zu düpieren und die Einschaltquoten zu gefährden. Das Motto heißt: Warum soll ich den Ast absägen, auf dem ich sitze? Damit entfällt für den Sport eine wichtige Beobachtungs- und Korrekturmöglichkeit.

Die Medien sind den Sportlern zu nah.

Nicht nur das. Hinzu kommt, dass die Medien die Spirale der Heldenverehrung aktiv anheizen, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich selbst zu richten. Mit dem Aufkommen der privaten Fernsehsender Anfang der 1980er Jahre hat die mediale Heldenverehrung in Deutschland deutlich zugenommen.

Inwiefern?

Jeder Sender versucht, pointiert formuliert, sich eigene Haushelden zu halten. Man denke nur an RTL und Michael Schumacher. Allerdings geht mit der Inflationierung der Sporthelden auch ein Auraverlust des Heroischen einher.

...und das Heldenhafte des Sports stirbt irgendwann aus?

Wenn jeder schnelle Spurt oder jede erfolgreiche Abwehrhandlung eines Torwarts in der medialen Öffentlichkeit gleich in Überschriften oder Kommentaren als heldenhaft bezeichnet wird, dann ist zumindest eine schleichende Trivialisierung und Banalisierung des Heldenbegriffs nicht auszuschließen.

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