WM 2014 - Hollands Ex-Nationalspieler De Boer im Interview : „So antiquiert, dass es modern ist“

Der frühere Nationalspieler Ronald de Boer über Hollands Titelchancen, die Taktik von Bondscoach Louis van Gaal - und die alte Schwäche im Elfmeterschießen.

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Ronald de Boer, 44, bestritt bis 2003 67 Länderspiele für die Niederlande, erzielte dabei 13 Tore.
Ronald de Boer, 44, bestritt bis 2003 67 Länderspiele für die Niederlande, erzielte dabei 13 Tore.Foto: imago

Ronald de Boer... Oder sollen wir lieber Ronaldus sagen? Schließlich ist das ihr richtiger Name.

(Lacht) Wo haben Sie den denn ausgebuddelt? Aber Sie haben Recht, mein richtiger Name ist Ronaldus. Nur nennt mich so niemand. Genau wie bei meinem Bruder. Der heißt Franciscus, aber alle sagen Frank. Ronaldus und Franciscus sind christliche Namen.

Glauben Sie an Gott?

Nein, ich glaube an mich selbst.

Der Glaube an die eigene Stärke scheint auch bei der niederländischen Nationalmannschaft sehr ausgeprägt. Gegen Mexiko hat sie ein 0:1 in der Schlussphase noch in einen 2:1-Sieg verwandelt. Jetzt wartet im Viertelfinale das Überraschungsteam Costa Rica. Steht Holland schon so gut wie im Halbfinale?

Das nicht, aber es ist für uns besser, dass wir gegen Costa Rica und nicht gegen Griechenland antreten müssen. Costa Rica wird versuchen, mitzuspielen. Sie haben die Leute dazu. Etwa Bryan Ruiz, der zuletzt in Holland beim PSV Eindhoven spielte. Griechenland hätte vor dem eigenen Strafraum eine Mauer hochgezogen und uns wäre wahrscheinlich nichts eingefallen.

Klingt, als wären Sie nicht sonderlich begeistert von den bisherigen Auftritten der Mannschaft?

Wenn wir den Ball haben, sieht es oft armselig aus. Das ist viel zu statisch, da ist nicht genug Bewegung drin. So wie gegen Mexiko in der ersten Halbzeit. Das ist nicht der totale Fußball, wie ihn die Welt von den Holländern kennt und erwartet. Aber es ist bisher erfolgreich. Und das zählt.

Nicht gerade sehr holländisch...

Wie gesagt, die Leute erwarten was anderes, wenn sie an die Elftal denken. Aber natürlich wollen auch sie am Ende gewinnen.

Trainer Louis van Gaal hat vor der WM das in Holland zum Kulturgut erhobene 4-3-3-System gegen ein 5-3-2 ausgetauscht und dafür viel Kritik bekommen. Zu Recht?

Van Gaal ist Realist, er hat früh erkannt, dass mit der jetzigen Mannschaft kein ständiges 4-3-3 möglich ist. Das ging los, als sich Kevin Strootman im Frühjahr verletzte. Er war bis dahin unser bester Spieler und im Mittelfeld nicht zu ersetzen. Wir müssen uns inzwischen stärker am Gegner orientieren als früher. Gegen Costa Rica könnte van Gaal 4-3-3 spielen. Im Halbfinale eher nicht.

Warum nicht?

Weil der Gegner dort wahrscheinlich noch mehr Offensivpower besitzt. Vor dem Turnier galten unsere Verteidiger als Schwachpunkt. Ihnen fehlte die Erfahrung, außerdem spielen sie bei keinem europäischen Spitzenklub. Van Gaal hat ihnen noch zwei weitere Spieler als Hilfe zur Seite gestellt. Die Mannschaft ist jetzt viel weniger anfällig. Alle Verteidiger spielen ein gutes Turnier. Das 5-3-2 hat viele Vorteile.

Welche noch?

Die meisten Mannschaften wissen gar nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn der Gegner so spielt. Ich will Ihnen was erzählen. Ich habe vor der WM an einem Turnier teilgenommen. So ein Ehemaligen-Turnier. Alles gestandene Fußballer. Meine Mannschaft hat dort 5-3-2 gespielt, da waren die anderen auf einmal verwirrt. Wie teile ich mich auf? Welche Räume gilt es zu besetzen? Viele Spieler sind an andere Systeme gewöhnt. 5-3-2 ist eigentlich so antiquiert, dass es schon wieder modern ist.

Louis van Gaal wird das gern hören.

Er ist ein großer Taktiker, da macht ihm niemand was vor. Aber das weiß er auch allein, das muss er nicht von mir hören.

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