WM 2014 : Joachim Löw setzt aufs Bollwerk gegen Portugal

Joachim Löw setzt bei dem Spiel gegen Portugal auf die defensiven Qualitäten seiner Spieler. Vier Innenverteidiger sollen Cristiano Ronaldo vom Tor fern halten. Auch wenn die Ästhetik des Spiels unter dieser Strategie leidet.

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Von innen nach außen. Löw verspricht sich von Höwedes Zweikampfstärke und Stabilität.
Von innen nach außen. Löw verspricht sich von Höwedes Zweikampfstärke und Stabilität.Foto: dpa

Brasilien gilt gemeinhin als der Sehnsuchtsort aller Fußballästheten, als Hort des schönen, berauschenden und kunstvollen Spiels. Und auch bei Joachim Löw konnte man in all den Jahren seines Wirkens ein Faible für das Schöne des Spiels ausmachen, das zuallererst nach vorn gerichtet ist, das darauf zielt, möglichst viele Tore zu erzielen. Das Verhindern von Toren empfand Löw dabei maximal als notgedrungenes Beiwerk. Aber wehe, wenn offensives Spektakel in einem defensiven Debakel endet.

Insofern hat der Bundestrainer in der zurückliegenden WM-Qualifikation ein paar Schreckmomente erlebt. Besonders der Ohnmachtsanfall seiner Mannschaft beim sagenhaften 4:4 im Herbst 2012 gegen Schweden hat bei Löw ein Umdenken eingeleitet, was zunächst zaghaft ausfiel, wie ein Jahr später das Rückspiel gegen denselben Gegner veranschaulichte – es endete 5:3. Die hölzernen Schweden sind alles andere als ein Offensivgigant, der in schöner Regelmäßigkeit die Fußballwelt aus den Angeln hebt. Bei der WM sind sie erst gar nicht dabei. Was soll aber passieren, wenn Deutschland erst auf Gegner gehobener Qualität trifft?

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Bundestrainer Joachim Löw hat seinen 23-köpfigen WM-Kader bekannt gegeben, der nach Brasilien reisen soll.Weitere Bilder anzeigen
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03.06.2014 09:55Bundestrainer Joachim Löw hat seinen 23-köpfigen WM-Kader bekannt gegeben, der nach Brasilien reisen soll.

Ein Bollwerk gegen Portugal

Wenn die deutsche Mannschaft nun gegen Portugal, die aktuelle Nummer vier des Weltfußballs, ins WM-Turnier startet, wird Löw dieser „extrem gefährlichen“ Mannschaft das vielleicht größtmögliche Bollwerk entgegenstellen. Zu diesem Zwecke verknotet der Bundestrainer gleich vier gelernte Innenverteidiger zu seiner Kette. Im Zentrum werden aller Voraussicht nach Per Mertesacker und Mats Hummels auflaufen, rechts und links flankiert von Jerome Boateng und Benedikt Höwedes. Sowohl der Münchner Boateng als auch der Schalker Höwedes haben bereits Erfahrungen gesammelt auf ihren Alternativpositionen, allerdings noch nie zur selben Zeit in genau dieser Konstellation, sieht man mal vom jüngsten Testspiel gegen Armenien ab.

„Eine große Umstellung ist das nicht“, sagt Höwedes. Der 26-Jährige hat in der Nationalelf mal gegen Frankreich und gegen Österreich auf der Position hinten links gespielt. Boateng dagegen, beim FC Bayern längst als Innenverteidiger gesetzt, besitzt im Nationalteam auf beiden Außenbahnen sogar Turniererfahrung. Bei der WM 2010 war der 25-Jährige Linksverteidiger, bei der EM 2012 dann Rechtsverteidiger.

Für den Bundestrainer liegt der Sinneswandel nicht nur im Auftaktgegner begründet. „Wir brauchen bei diesem Turnier vermutlich nicht diese offensiven Außenverteidiger“, sagt Löw. Was nicht heißen soll, dass die beiden außen spielenden Innenverteidiger gänzlich auf offensive Ausflüge verzichten müssen. Aber Löws Bestückung der Abwehrreihe zielt auf andere Qualitäten. „Es wird wichtig sein, meine defensiven Qualitäten einzubringen“, sagt Höwedes. Der Bundestrainer macht sich dabei die Urgewohnheit von Innenverteidigern zunutze, das Abwehrzentrum zuzumachen. Denen sei es ein anerzogenes Bedürfnis, das immer noch gebräuchlichste Einfallstor aller gegnerischen Mühen zu bewachen – die Mitte.

Zweikampfverhalten oder Ästhetik

„Das war ja manches Mal ein bisschen unser Problem“, sagt Löw. In der WM-Qualifikation sei das nur deshalb nicht so sehr ins Gewicht gefallen, weil seine Mannschaft im Spiel nach vorn für die Gegner immer noch zu gut gewesen sei. Was aber, wenn der Gegner selbst über eine raffinierte oder wuchtige Offensive verfügt? Portugal ist so ein Fall. Deshalb die rigorose Stärkung der Defensive. Nebenher sei erwähnt, dass die vier deutschen Innenverteidiger recht groß sind und über ein recht passables Kopfballspiel verfügen – defensiv wie offensiv. Zudem könnte sich ihre erprobte Zweikampfführung als Vorteil erweisen.

„Innenverteidiger sind es gewöhnt, in Zweikämpfe zu gehen“, sagt Löw. Der Bundestrainer will sich nicht mehr darauf verlassen, „hinten nur die Räume zu verteidigen“. Schieres Vertrauen auf die Absicherung und das Doppeln müsse vielmehr ersetzt werden durch ein „unmittelbares Verantwortungsgefühl für den jeweiligen Zweikampf“. Ein richtiges defensives Zweikampfverhalten, so ist es Joachim Löw aufgegangen, hat vielleicht wenig Rauschhaftes, kann aber Ästhetik auch mal schlagen.

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