WM 2014 - Kolumne Philipp Köster : Fußballfans sind Wendehälse

Eben die eigene Mannschaft noch in den Himmel gelobt, wenig später dann zur Hölle gewünscht. Fußballfans pendeln zwischen den Extremen. Unser Kolumnist Philipp Köster hat sich dem Thema einmal genauer gewidmet.

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Riesenstimmung auf der Berliner Fanmeile. Mehr als 100.000 Fans verfolgten hier das WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Frankreich.Weitere Bilder anzeigen
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04.07.2014 20:46Riesenstimmung auf der Berliner Fanmeile. Mehr als 100.000 Fans verfolgten hier das WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und...

Fußballfans sind Wendehälse. Immer gewesen. Eben noch den Trainer und die Mannschaft zur Hölle gewünscht, schon skandiert man euphorisch seinen Namen und brüllt: „Ich hab immer an die Mannschaft geglaubt!“, bloß weil in der 89.Minute noch ein dringend benötigter Treffer gefallen ist. Habe ich selbst schon einige Male durchexerziert.

Die deutsche Mannschaft hat das nun vor und während des Turniers im Schnelldurchlauf durchgemacht. Vor dem Turnier herrschte allgemeiner Defätismus. Ohne Marco Reus, aber mit Jogi, dazu die verdammte Hitze, das konnte nicht gut gehen. Nach dem locker nach Hause geschaukelten Spiel gegen Portugal registrierte das Fanvolk erstaunt, dass der deutschen Mannschaft nicht sofort nach Spielende von Sepp Blatter der WM-Pokal überreicht wurde.

Nach dem mühsamen Kick gegen Ghana wiederum galt der deutsche WM-Kader (Opa Klose mal ausgenommen) gleich wieder als Trupp arbeitsscheuer Versager, die auf Kosten des DFB-Beitragszahlers im Campo Bahia am Pool herumlümmeln. Und natürlich ganz falsches Coaching von Jogi! Nach dem Sieg gegen die USA war plötzlich Torschütze Thomas Müller der Heilsbringer, der uns im Alleingang zum Titel schießen würde. Senior Miro war da schon längst wieder vergessen. Als die deutsche Mannschaft eine Auswechslung vorbereitete, schrie ein Zuschauer im WM-Quartier am Ostbahnhof entsetzt: „Bloß nicht den Klose!“

In unserer WM-Kolumne wechseln sich Philipp Köster, Cacau, Monica Lierhaus, Lucien Favre und Frank Lüdecke ab
In unserer WM-Kolumne wechseln sich Philipp Köster, Cacau, Monica Lierhaus, Lucien Favre und Frank Lüdecke abFoto: David von Becker

Nach dem Spiel gegen Algerien ging es dann prompt wieder runter mit dem Ansehen der kämpfenden Truppe beim Fanvolk. Das taugt doch alles nichts! Wieder ganz falsches Coaching von Jogi! Und nur fußlahme Kreismeister auf dem Platz! Außer Neuer und Schürrle! Letzterer war zuvor nicht mal in den verwegensten Planspielen aufgetaucht, nun verkündeten all jene, die fünf Tage zuvor noch lauthals Klose gefordert hatten, Schürrle ja schon immer auf dem Zettel gehabt zu haben.

Unser Jogi! Alles richtig gemacht! Gut gecoacht!

Nach dem Spiel gegen Frankreich nun geordneter Schwenk: Unser Jogi! Alles richtig gemacht! Gut gecoacht! Der Lahm auf rechts! Muss man erstmal drauf kommen. Und unser Mats! Eben noch als fast so arrogant wie Mario Götze und als veritables Sicherheitsrisiko gescholten, nun plötzlich Matchwinner.

Nun also Brasilien. Die ohne Neymar und Thiago, wir hingegen mit Jogi, Mats, Miro, André und Thomas Müller. Ein Spaziergang quasi, glaubt das Volk. Sollte es stattdessen doch eine mühselige Bergtour werden und die Mannschaft gegen den Gastgeber ausscheiden, hat uns wahlweise Jogi vercoacht, war Mats zu leichtsinnig, hätte Klose statt Schürrle kommen müssen oder Schürrle statt Klose, usw. Im Falle eines Sieges hingegen gilt: Ab auf die Fanmeile. Denn wir haben ja immer an die Mannschaft geglaubt.

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