WM 2014: Kolumne von Cacau : Endlich stolz auf die Favela

Ein besonderes Erlebnis hatte unser Kolumnist Cacau in Brasilien nicht bei einem Fußballspiel, sondern abseits des Feldes. Es zeigte ihm, dass es Wichtigeres als Fußballspiele gibt. Zum Beispiel das Leuchten von Kinderaugen.

Claudemir Jerônimo Barreto, besser bekannt als Cacau.
Claudemir Jerônimo Barreto, besser bekannt als Cacau.Foto: dpa

Ein besonderes Erlebnis hatte ich in diesen WM-Tagen nicht bei einem Fußballspiel, sondern abseits des Feldes. Es war das Leuchten in den Augen einiger Kinder aus meiner Heimatstadt. Sie durften auf Einladung eines Sponsors beim letzten Test der brasilianischen Nationalmannschaft vor Beginn des Turniers dabei sein, ins Stadion in Sao Paulo einlaufen und die Fahnen tragen. Für die Kinder war das ein Höhepunkt, denn sie stammen aus ganz einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern hätten sich nie das Ticket für die Partie gegen Serbien leisten können, sie haben gerade genug Geld, um zu überleben.

Mittlerweile kenne ich viele dieser Familien, weil ich zusammen mit der Hilfsorganisation World Vision das Projekt „Sports for Life“ in ihrer Siedlung unterstütze. Vor einigen Jahren wurden sie von den Favelas in der Stadt in den kleinen Vorort Jefferson umgesiedelt. Die Gemeinde erinnert mich an meine Kindheit. Dort, wo ich aufgewachsen bin, sah es so ähnlich aus. Dass die Menschen nun in richtigen kleinen Häusern wohnen statt in Wellblechhütten, ist natürlich eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Aber das alleine genügt nicht.

Sport für das Selbstbewusstsein

Man nahm sie aus den Favelas, aber die Favela nicht aus ihnen. Sie waren stigmatisiert und schämten sich dafür, aus Jefferson zu kommen, das lange Zeit keinen guten Ruf hatte. Einige fühlen sich sicher immer noch nicht wertvoll. In unserem Projekt versuchen wir deshalb, ihnen mithilfe des Sports Selbstvertrauen zu vermitteln. Beim Fußball, Volleyball oder Basketball lernen sie nicht nur, sich zu integrieren, sondern auch, dass man mit Disziplin und Zielstrebigkeit viel erreichen kann.

Immer wenn ich im Urlaub in Mogi das Cruzes bin, besuche ich Jefferson. Es ist kein Pflichttermin für mich, sondern eine Herzensangelegenheit. Ich freue mich darauf, weil es schön ist zu sehen, wie die Kinder aufblühen, wie sie sich tatsächlich langsam akzeptiert fühlen. Dieses Mal war das Hauptthema natürlich die WM, sie fiebern den Spielen entgegen, vor allem denen der brasilianischen Nationalmannschaft. Der Traum aller Jungen dort ist es, selbst einmal in der Seleçao zu spielen oder es wenigstens zu einem Profiklub zu schaffen.

Die Chance auf ein besseres Leben

Sie sehen, wie ich einst, den Fußball als große Chance auf ein besseres Leben, als vielleicht einzige Perspektive. Als sie mit der Nationalmannschaft ins Stadion einlaufen durften, waren sie vielleicht zum ersten Mal richtig stolz, dass sie aus Jefferson kommen. Und den Eltern ergeht es nicht anders: Die Entwicklung ihrer Kinder macht auch sie stolz. Neulich kam ein Vater zu mir, um sich zu bedanken, dass sein Sohn nun mit viel größerem Selbstbewusstsein durchs Leben geht. In diesem Moment habe ich wieder einmal festgestellt: Es gibt Wichtigeres als Fußballspiele.

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