WM 2014 : Mit Sicherheit gibt’s noch Probleme

Am Dienstag erhält Brasilien den Zuschlag für die Fußball-WM 2014: Das Land ist einziger Bewerber. Kolumbien hatte seine Kandidatur zurückgezogen.

Ingo Schmidt-Tychsen[Rio de Janeiro]
Brasilien
Kultstätte des Fußballs: Das Maracana-Stadion in Rio. Hier soll 2014 das Endspiel stattfinden. -Foto: dpa

Die Masse stolpert und stürmt Richtung Rasen. Am groben Metallzaun aber kommt sie nicht vorbei. Die vorderen Fans werden gegen die Absperrung gedrückt. Es ist ein Tor gefallen im Minerao, einem der größten und modernsten Fußballstadien Brasiliens. Der Treffer ist wichtig für Cruzeiro Belo Horizonte, die Heimmannschaft, die in der Landesmeisterschaft weit oben mitspielt. Aber eigentlich wird hier im Fanblock jeder Treffer so gefeiert. Und auch in einigen anderen Stadien Brasiliens ist das Herabstürzen der Zuschauer von den Rängen nach Toren üblich, so wie in England – bis zum Ende der Achtzigerjahre. Ungefährlich ist das nicht. Und es ist nicht das einzige Sicherheitsproblem der brasilianischen Stadien.

Laut Joseph Blatter, dem Präsidenten des Weltverbandes Fifa, erfüllt derzeit kein Stadion in Brasilien die Anforderungen für die Ausrichtung eines Weltmeisterschaftsspiels. Dennoch wird die Fifa am Dienstag in Zürich entscheiden, dass das mit mehr als 186 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land Südamerikas die WM 2014 ausrichten darf. Brasilien ist damit automatisch auch Ausrichter des Confed-Cups im Jahr zuvor. Das Land ist einziger Bewerber, nachdem Kolumbien im April seine Kandidatur zurückgezogen hat. „Brasilien hat sein Potenzial gezeigt und ist in der Lage, ein außergewöhnliches Turnier auszurichten“, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Fifa-Inspektoren. Sie zeichnen ein insgesamt sehr positives Bild. Zudem glaubt die Fifa, dass die Ausrichtung der WM den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes zweifellos weiter ankurbeln werde.

Davon ist in Brasilien nicht jeder überzeugt. Der bekannte Sportpsychologe Eduardo Cillio hatte schon zu Beginn der Bewerbung gefragt: „Wo sind die Prioritäten unserer Bevölkerung? Stadien oder Krankenhäuser und Schulen?“ 18 Städte haben sich als Austragungsorte für die Spiele der Weltmeisterschaft beworben, zehn bis zwölf davon will die Fifa auswählen. Für die Renovierung beziehungsweise den Neubau der Stadien rechnet der brasilianische Fußballverband CBF mit Kosten in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar (etwa 764 Millionen Euro) – eine eher konservative Schätzung, wenn man bedenkt, dass allein der Umbau des Berliner Olympiastadions 242 Millionen Euro gekostet hat. Ebenfalls ambitioniert: Das Geld soll größtenteils von privaten Investoren kommen, sagt CBF-Präsident Ricardo Teixeira. Mit einer WM sei schließlich viel Geld zu verdienen.

Der überwiegende Teil der Berichterstattung in den brasilianischen Medien ist positiv. Vor allem seit der erfolgreichen Austragung der Panamerikanischen Spiele in diesem Jahr in Rio de Janeiro, einer den Olympischen Spielen ähnlichen Sportveranstaltung, sind die Brasilianer wieder vom eigenen Organisationstalent überzeugt. „Ich bin sicher, dass wir in sieben Jahren mehr als bereit sein werden, die Weltmeisterschaft auszurichten, die uns ohne Zweifel auch helfen wird eine Reihe anderer Probleme zu lösen“, sagt der ehemalige Nationalspieler und Fußballheld Romario, der Brasiliens Kandidatur unterstützt.

Andere Probleme – das sind im Schwellenland Brasilien unter anderem die Kämpfe zwischen Drogenbanden und der Polizei. Schätzungen zufolge steigt die Kriminalität in Brasilien jährlich um zehn Prozent. Die Gewaltwellen, die über Brasiliens Großstädte hereinbrechen, sind kaum zu stoppen und nur schwer berechenbar. Während der Panamerikanischen Spiele in Rio de Janeiro hatte die Polizei eine Urlaubssperre verhängt und mittels massiver Präsenz in der Stadt die Sicherheit garantiert. „Bestimmte Spielorte haben zwar ein Sicherheitsproblem, das nach unserer Einschätzung aber nicht so gravierend ist, wie es die Öffentlichkeit vielfach wahrnimmt“, schreiben die Fifa-Inspekteure. In den meisten potenziellen Spielorten sei die Lage unbedenklich. Immerhin hat die brasilianische Regierung im August ein bis 2012 laufendes Programm lanciert, das 3,3 Milliarden US-Dollar (etwa 2,29 Milliarden Euro) für soziale Prävention und die Polizei vorsieht.

1950 hat Brasilien schon einmal eine Weltmeisterschaft ausgerichtet. Die Seleçao schien damals unaufhaltsam zu sein, auf dem Weg zum Titel im eigenen Land. Das letzte Spiel fand vor mehr als 180 000 Zuschauern im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro statt. Brasilien verlor 1:2, Außenseiter Uruguay wurde Weltmeister. Der britische Journalist Alex Bellos schreibt in seinem Buch über den brasilianischen Fußball: „Brasilien ist nicht arm an Fußballtriumphen. Aber ein entscheidender fehlt. Seine Bewohner können schreien und heulen, das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1950 wird Brasilien nicht gewinnen. Kaum ein anderes Spielergebnis hat einen so starken und fortwährenden Einfluss auf das Seelenleben einer ganzen Nation gehabt.“ Die Brasilianer könnten bald eine Chance auf Selbstheilung bekommen. Das Endspiel der WM 2014 soll im Maracana-Stadion stattfinden.

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