WM 2014 - Nationalmannschaft : Joachim Löw hat immer noch keine feste Startelf

Manuel Neuer soll im ersten WM-Spiel gegen Portugal auflaufen - sicher ist aber nichts. Auch im Mittelfeld gibt es viele offenen Fragen. Deshalb hält sich Bundestrainer Löw für die Startelf alle Optionen offen.

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Verzweifelt: Joachim Löw (l.) und seinen Assistent Hansi Flick (3. v. l.) müssen immer noch um den Einsatz ihres Torwarts Manuel Neuer bangen.
Verzweifelt: Joachim Löw (l.) und seinen Assistent Hansi Flick (3. v. l.) müssen immer noch um den Einsatz ihres Torwarts Manuel...Foto: dpa

Manuel Neuer hat neulich im speziellen Torwarttraining auffallend oft seinen rechten Arm gehoben. Als wenn er zeigen wollte: Seht her, ich bin wieder voll einsatzfähig. Wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet der deutsche Siegfried, der blonde Hüne im deutschen Tor, der Welttorhüter, das Auftaktspiel gegen Portugal verpassen würde. Vor gut drei Wochen hatte sich der 28-Jährige im deutschen Pokalfinale das Eckgelenk der rechten Schulter verletzt, weshalb schon die halbe Nation zitterte, ob das noch rechtzeitig was werde. Es wird schon werden, sagt nun Hansi Flick. „Wir sind guter Dinge, dass er im ersten Spiel einsatzbereit ist.“ Das, was der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw erzählt, hört sich gut an, sagt aber noch gar nichts.

Denn irgendwie trifft die latente Vakanz, die die Personalie Neuer umweht, auf die gesamte Mannschaft zu. Alles ist möglich, sicher ist nichts – noch nicht. Alle Spieler seien nahe an „hundert Prozent“, sagt Flick, aber man wolle sich bewusst Zeit lassen mit der Benennung der Startelf für den deutschen WM-Auftakt am 16. Juni gegen Portugal.

Man wolle sowohl den Gegner als auch die eigene Reihe ein wenig im Unklaren lassen. Das stärke einerseits den Gegner nicht unnötig und schüre zugleich den internen Konkurrenzkampf. Doch das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Zu viele offene Fragen stehen derzeit noch immer im Raum. Können Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira in den verbleibenden Tagen an ihre Bestform herangeführt werden? Kommt Mesut Özil rechtzeitig ins Rollen, und wer soll für Deutschland stürmen?

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Nach dem Trainingslager in Südtirol, zwei Vorbereitungsspielen in Deutschland und der Hiobsbotschaft um Marco Reus ist die deutsche Mannschaft in Brasilien angekommen.Weitere Bilder anzeigen
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„Wir haben ein Gerüst, aber noch keine Elf“, sagt Flick, wirkt dabei aber sehr gelassen. Tatsächlich ist der Kader ausgewogen besetzt und bietet auf jeder Position eine fast gleichstarke Alternative.

Mertesacker und Hummels dürften das Duo in der Innenverteidigung bilden

Die geringsten Probleme sollte die Besetzung der Abwehrreihe bereiten. Per Mertesacker und Mats Hummels dürften das Duo in der Innenverteidigung bilden, rechts flankiert von Jerome Boateng. Für die linke Abwehrseite bietet sich der junge Erik Durm an. Etwas hakeliger wird es bei der Besetzung des defensiven Zentrums. Ja, es habe bereits Gespräche hinsichtlich seiner Verwendung gegeben, sagt Philipp Lahm, aber „ich habe das nicht öffentlich zu machen“. Das sei Sache des Trainers. Doch ist davon auszugehen, dass der Kapitän ins zentrale Mittelfeld aufrückt. Hier wird mehr die Frage sein, wer an seiner Seite spielt: Khedira oder Schweinsteiger? Auch Toni Kroos ist eine Alternative, doch Löw sieht den kreativen Geist des FC Bayern wohl eher weiter vorn. Doch wohin dann mit Mesut Özil?

Bundestrainer Löw denkt nicht in starren Strukturen

Der 25 Jahre alte Spielmacher vom FC Arsenal könnte auf den rechten Flügel ausweichen, wenn Löw den dort verorteten Thomas Müller in die vorderste Linie schiebt. Beide Spieler könnten ein munteres Wechselspiel betreiben, wie es dem Bundestrainer vorschwebt. Denn das System von Löw lebt in gewisser Weise von den Freiheiten seiner offensiven Mittelfeldspieler, die immer wieder abwechselnd in die Tiefe stoßen können. Diese Qualität haben auch Lukas Podolski und André Schürrle, die um den Platz auf der linken offensiven Bahn konkurrieren. „Es wird wichtig sein, dass die Position im gegnerischen Strafraum besetzt ist, egal durch wen“, sagt Flick.

Joachim Löw denkt ohnehin nicht in starren Strukturen. Wichtiger als die sture personelle Bestückung von Positionen ist ihm, dass die Positionen ständig besetzt sind, ganz gleich durch wen. Das betrifft gerade auch die drei zentralen Mittelfeldspieler. Hier schweben dem Bundestrainer Spieler vor, die ständig ihre Positionen tauschen und in die Zwischenräume gehen. „Dort, wo es dem Gegner bei Ballbesitz wehtut“, wie Löw unlängst sagte.

Für Löw steht das Spielsystem über dem Personal. In der täglichen Arbeit gehe es nun vorrangig um taktische Belange. Alle Bemühungen auf dem Trainingsplatz und im Besprechungsraum dienten dabei dem Ziel, dass System vom Personal unabhängig zu machen. Soll heißen: Es kommt weniger darauf an, wer spielt, sondern dass richtig gespielt wird. „Der Auftakt in ein Turnier ist sehr wichtig“, sagt Flick. Und: „Wir gehen sehr selbstbewusst in das Spiel gegen Portugal.“ Zur Not auch ohne Manuel Neuer.

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