WM 2014 - Proteste in Brasilien : Copa des Volkes

In der Nähe des Stadions in Sao Paulo ist eine Zeltstadt entstanden. Mehrere tausend Familien fordern würdigen Wohnraum. Auch wegen der WM sind die Mieten in der Stadt explodiert.

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Cecito Alves macht sich für die "Movimento dos Trabalhadores sem Teto/MTST" stark, die Bewegung der Arbeiter ohne Obdach
Cecito Alves macht sich für die "Movimento dos Trabalhadores sem Teto/MTST" stark, die Bewegung der Arbeiter ohne ObdachFoto: Lichterbeck

Sie kamen nachts. Mit Hämmern und Nägeln, Holzlatten und Plastikplanen. Am Morgen war eine kleine Zeltstadt entstanden. 300 Familien hatten sich auf einer Brache im Osten von Sao Paulo ein provisorisches Zuhause gezimmert. Fakten geschaffen. Nur wenige Kilometer von der Arena Corinthians entfernt, in der sechs WM-Spiele ausgetragen werden. Ein symbolträchtiger Ort, der einen symbolträchtigen Namen verdiente.

Ihre Siedlung tauften die Besetzer „Copa do Povo“: Weltmeisterschaft des Volkes. Vor dem Eingang hissten sie eine rote Fahne mit dem Schriftzug „Movimento dos Trabalhadores sem Teto / MTST“. Bewegung der Arbeiter ohne Obdach. Die Fahne weht auch heute noch, an einem grauen Morgen Ende Juni, zwei Monate nach der Besetzung. Die Siedlung ist mittlerweile um mehrere tausend Familien gewachsen. „Wir sind eine der schlagkräftigsten sozialen Bewegungen Brasiliens“, sagt Cecito Alves und zieht zufrieden an seiner Zigarette. Der 42-Jährige – wilder Bart, buntes Hemd, kurze Hosen, Flipflops an den Füßen – steht vor dem MTST-Hauptquartier, einem Zelt am Rande von Copa do Povo. Er gehört zum fünfköpfigen lokalen Organisationskomitee, sein Beruf: Bauarbeiter und Besetzer. Gegründet wurde die MTST 1997 als urbanes Pendant zur Bewegung der Landarbeiter ohne Land (MST). Ihr Ziel: den 50 Millionen Brasilianern ohne anständiges Dach über dem Kopf endlich ein würdiges Zuhause verschaffen. „Brasiliens Städte müssen humaner werden“, sagt Cecito Alves. „Die Politik dient den Interessen der Immobilienkonzerne.“ Tatsächlich gehören Bau- und Immobilienfirmen in Brasilien zu den größten Parteispendern. In den Großstädten dominieren sie häufig die Politik.

Die Zeltstadt am WM-Stadion
In der Nähe des Stadions in Sao Paulo ist eine Zeltstadt entstanden. Mehrere tausend Familien fordern würdigen Wohnraum. Auch wegen der WM sind die Mieten in der Stadt explodiert: Das Mittag wird aus Essensspenden zubereitet. Es ist kostenlos. „Geld existiert in Copa do Povo nicht“, sagt der Koch.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Philipp Lichterbeck
01.07.2014 17:13In der Nähe des Stadions in Sao Paulo ist eine Zeltstadt entstanden. Mehrere tausend Familien fordern würdigen Wohnraum. Auch...

Allein in Sao Paulo, so ergab der Zensus 2010, haben 130 000 Familien keine vernünftige Bleibe, obwohl 290 000 Immobilien leer stehen. Mit vielen wird spekuliert, die Immobilienpreise stiegen in Sao Paulo allein 2013 um 14 Prozent. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt heute bei umgerechnet fast 2700 Euro. Viele arbeitende Menschen können sich daher die Mieten nicht mehr leisten. Selbst in dem ärmlichen Stadtteil, in dem Copa do Povo liegt, haben sich diese mehr als verdoppelt, seit feststeht, dass das WM-Stadion in der Nähe errichtet wird. Für Alves ist der Zusammenhang zwischen der WM und der Preisexplosion deshalb klar.

Proteste gegen die WM 2014 in Brasilien
Wieder Proteste gegen die WM in São Paulo: Mit Eisenstangen demolierten diese Demonstranten nach der Partie England - Uruguay Neuwagen eines Autohändlers.Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: Reuters
20.06.2014 09:27Wieder Proteste gegen die WM in São Paulo: Mit Eisenstangen demolierten diese Demonstranten nach der Partie England - Uruguay...

WM Rambazamba

Vor dem MTST-Hauptquartier bildet sich eine Schlange. Obwohl es nieselt, warten die Menschen geduldig. Im Zeltinneren sitzen zwei Frauen, vor ihnen lange Listen, in die sie die Namen der Hereinkommenden notieren. „Wir erstellen ein Register“, erklärt Alves. „Für die Wohnungen.“ Erst vor wenigen Wochen hat die MTST einen großen Sieg errungen. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff versprach: Auf dem 15 Hektar großen Gelände von Copa do Povo werden Sozialwohnungen errichtet. „Die Politik fürchtet, dass wir während der WM Rambazamba machen“, sagt Alves. Insgesamt sechs Grundstücke hält die MTST in Sao Paulo besetzt. Dabei ist es niemals die Absicht der MTST, neue Favelas zu errichten. Dies wird häufig von Politikern behauptet. „Wir wollen die besetzten Gebiete an den Asphalt anschließen“, sagt Alves. Asphalt – ein Begriff für bürgerliches Wohnen.

Alves selbst bekam vor 14 Jahren nach einer Invasion ein Grundstück zugewiesen und baute ein kleines Haus. Dennoch engagiert er sich weiter in der MTST. Bezahlt wird er nicht. „Die Bewegung lebt vom Zusammenhalt“, sagt er. Dieser sei nun besonders nötig. Denn trotz der Zusage von Präsidentin Rousseff blockiert das Stadtparlament von Sao Paulo die Ausweisung von Copa do Povo zu einer Zone von sozialem Interesse. Wegen der Verzögerung droht die MTST nun damit, jede Woche ein neues Grundstück zu besetzen und mit Zehntausenden vor das Rathaus zu ziehen. Noch während der Fußball-WM.

Gemeinsam stark

MTST-Koordinator Alves führt durch das Labyrinth aus schwarzen Planen. In der Nacht hat es geregnet, die Wege sind matschig. An einem Zelt steht „Fußball-WM für wen?“. Ab und zu sieht man Zettel mit den Fotos der neun Arbeiter, die beim Bau der WM-Stadien ums Leben kamen. Vom höchsten Punkt der Siedlung erblickt man dann die gewölbten Tribünendächer der Arena Corinthians, in der am heutigen Dienstag Argentinien auf die Schweiz trifft. Auch Arbeiter, die nun in Copa do Povo wohnen, halfen bei ihrer Errichtung mit. Tickets konnten sie sich nicht leisten.

Copa do Povo wurde in sieben Sektoren unterteilt. In jedem gibt es Freiwillige für Küche, Sicherheit, Gesundheit. Niemand bekommt Geld. „Jeder zieht den anderen mit“, sagt Erica Gomes, 26 Jahre, vor ihrer windzerzausten Behausung, die sie mit ihrem Mann in der Nacht der Invasion errichtete: „Wir hatten Angst, aber die Not war größer.“ Ihr altes Haus ist hier ganz in der Nähe. „Wir konnten uns die Miete nicht mehr leisten“, sagt die Mutter zweier Kleinkinder. Sie stieg in den letzten zwei Jahren von 400 Reais auf 750 Reais, umgerechnet 250 Euro.

Oft werden Besetzer wie Erica Gomes als arbeitsscheu bezeichnet. Doch Gomes arbeitet: montags bis samstags, acht Stunden lang. Im Callcenter einer Bank. Sie ruft täglich bis zu 100 Personen an. Dafür zahlt man ihr den brasilianischen Mindestlohn: 724 Reais, 240 Euro. Als Gomes erfuhr, dass die MTST Teilnehmer für eine Invasion rekrutierte, schloss sie sich mit ihrem Mann, einem Straßenverkäufer, an. Sie sagt: „In Brasilien müssen die einfachen Menschen für alles kämpfen. Das geht nur gemeinsam.“ Nun hoffen die beiden auf eine Sozialwohnung. An die Zeltplane ihres Verschlags hat Gomes geschrieben: „Ein Dach über dem Kopf bedeutet Würde.“

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