WM 2014 - Skuriles vom Rande : Cowboys in Sandalen

Die Höhenangst von Oliver Kahn, brisante Dartspiele und AC/DC: Die WM in Brasilien bot vor Ort eine Menge skurriler Randgeschichten. Ein Turnier-Glossar.

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Ballyhoo. James Rodriguez wurde einer der Stars des Turniers.
Ballyhoo. James Rodriguez wurde einer der Stars des Turniers.Foto: Imago

Alemanha

Um seine Zufriedenheit mit etwas auszudrücken, hebt der Brasilianer ständig aufmunternd den Daumen wie der gutgelaunte Lukas Podolski. Egal, ob er an der Kasse vorgelassen wird oder man ihm nur „Guten Morgen“ wünscht. Die Geste bekam in der ersten WM-Woche jedoch durch einen anderen Fingerzeig Konkurrenz: Da die Einheimischen in der Mehrzahl dem Auftreten ihrer Seleçao eher skeptisch gegenüber standen, adoptierten sie nach dem 4:0-Auftaktsieg der deutschen Elf gegen Portugal Jogis Jungs zu Ersatzlieblingen. Jeder Passant im DFB-Trikot wurde fortan freudig mit vier zum Fächer aufgestellten Fingern und dem Ausruf „Alemanha“ gegrüßt. Als das Halbfinale gespielt war, gab es eine erneute Umdeutung. Als Deutscher erkannt, bekam man nun zwei Hände mit sieben Fingern entgegengestreckt.

Cowboys

Die Blumenkette als eigentümliches Fanaccessoire der deutschen Anhänger erlebte in Brasilien erhebliche Popularitätseinbußen. Im feuchtwarmen Klima erfreute sich stattdessen der schwarz-rot-goldene Cowboyhut steigender Beliebtheit, männliche wie weibliche Fans fühlten sich in Gefolgschaft der Löw-Truppe offenbar wie auf einer Reise durch den Wilden Westen. Absoluter Dauerbrenner unter deutschen Fans bei Touren durch warme Länder aber weiterhin – wenn auch zumeist nicht in Landesfarben – die praktische Sandalette, gern auch in Kombination mit Socken und Cowboyhut.

Effizienz

Größte Herausforderung einer WM-Reise nach Brasilien: die Entschleunigung. Restaurantbestellungen, die über Stunden auf sich warten lassen. Autofahrten über Hunderte von Kilometern auf zweispurigen Landstraßen, schlaglochübersät und voll mit knorrigen Sattelschleppern. Flughäfen, an denen die Arbeit ruht, wenn die Seleçao spielt. Doch am Ende steht die Erkenntnis, dass nach einer Weile doch fast alles irgendwie funktioniert. Es ist nur wichtig zu wissen, dass alles seine Zeit dauert.

Hoffnungen

Selten war das Verhältnis eines WM-Gastgeberlandes zum Erfolg seines Teams so ambivalent. Einerseits hofften die Brasilianer natürlich, ihr Team möge erfolgreich sein. Anderseits hatte sich speziell in der Mittelschicht, aus der die Protestbewegung hervorgegangen ist, ein tiefer Graben zu den politischen Führern aufgetan, die das Land repräsentieren. Die Protestler fürchteten, dass die politischen Diskussionen, die sie im Sinne einer besseren und gerechteren Zukunft Brasiliens angestoßen hatten, bei einem Gewinn der WM im Überschwang der Gefühle wieder abflauen könnten. „Wir wünschen den Spielern und Felipao, dass sie Erfolg bei der Copa haben“, brachte die Englischlehrerin Fabiola Moura ihre innere Zerrissenheit auf den Punkt, „aber wir wünschen es nicht für unser Land.“ Der Weg für Reformen wird nun zumindest nicht mehr durch den Fußball verstellt.

Ipanema

Am Strand im Herzen von Rio de Janeiro kulminieren die Sehnsüchte des Fußballtouristen nach den schönen Seiten Brasiliens: Sonne, Sand, Caipirinha und schöne Frauen. Doch die Wirklichkeit entspricht nur selten dem Klischee. Die Einheimischen gehen hier nicht ins Wasser, weil über einen Kanal die Abwässer der Stadt ins Meer geleitet werden. Und auch die Damen im Bikini stoßen nicht bei jedem Fan auf Wohlgefallen. Gespräch in einer Strandbar. Deutscher Tourist: „Wo sind sie denn nun: die schönen Girls von Ipanema? Ich sehe nur alte Frauen mit dicken Bäuchen.“ Wirt: „Mal drüber nachgedacht, wie alt der Song ist?“

Kahn

Aus Gründen der Effizienz und Kosteneinsparung teilten sich die ARD und das ZDF das Übertragungsstudio und die Sonnenterrasse in einem Wolkenkratzer an der Copacabana. Das ZDF hätte die Wahl wohl besser überdacht. So fiel ARD-Mitarbeitern bei der gemeinsamen Liftfahrt mit Oliver Kahn auf, dass der Titan unter Platzangst leidet. Als der Fahrstuhl plötzlich in ruckelnden Bewegungen von Stockwerk zu Stockwerk fuhr, neigte Deutschlands einstige Nummer 1 rasant zur Schnappatmung. Oben angekommen, gestand der bärige ZDF-Experte dann, dass er nach der Einsamkeit der Ostseebühne bei der EM 2012 auch mit der Rio-Location seines Senders so seine Probleme habe. Der Grund sei aber ein anderer: Kahn wird auch von Höhenangst geplagt.

Quartier

Der DFB entschied sich erneut für ein Quartier in der Provinz. Nicht unbedingt zur Freude des Medientrosses, der dem Nationalteam folgte. Die Reporter wurden einmal täglich gegen Mittag zu einer Pressekonferenz mit einem Spieler und einem Mitglied des Trainerstabs geladen. Zudem fanden in unregelmäßigen Abständen kleine Pressegespräche statt, die nach schriftlicher Ausfertigung von der PR-Abteilung der Nationalelf mit Argusaugen auf Anstößiges durchforstet wurden. So wurde in einem Fall auch die brandheiße News aus einem Interviewtext eliminiert, dass die Spieler sich ihre Zeit im Lager mit Dingen wie Dartspielen vertreiben.

Siete

Um das Verhältnis zwischen Brasilianern und Argentiniern ist es ja ohnehin nicht besonders gut bestellt. Als die Gauchos im Halbfinale in Sao Paulo auf die Niederlande trafen, stichelten die Fans der Albiceleste nicht gegen den Gegner, sondern mit Vorliebe mit dem Schlachtruf „Cinco, Seis, Siete, Siete, Siete“ („fünf, sechs, sieben…“) gegen die Brasilianer in der Arena. Die konterten den Spott mit einem wütenden „Brazil, Brazil“, doch die besseren Argumente hatten an diesem Tag eindeutig die Argentinier.

Durchs Turnier getragen. Mexikanische Fans.
Durchs Turnier getragen. Mexikanische Fans.Foto: Imago

Thunderstruck

Die Fifa-Musikbox ist eine Höllenmaschine. Schon drei Stunden vor Spielbeginn beschallt sie die eintrudelnden Stadionbesucher in derart ohrenbetäubender Lautstärke, dass der Weg an die Biertränke fast unumgänglich ist. Doch in der Dramaturgie der WM-Playlist findet sich stets auch ein Gänsehautmoment. Allen Hermes-House-Bands und seichten Jennifer-Lopez-Popsongs zum Trotz: Wenn die Trommelschläge von AC/DCs „Thunderstruck“ den Einmarsch der Teams ankündigten und Zehntausende „Na, na, nanana, nana: Thunder“ skandierten, war die Vorfreude aufs Match am Siedepunkt.

Uniformen

Mit Schlagstöcken ausgerüstete Polizeieinheiten. Militärpolizisten mit weißen Helmen, Pistolen, Schutzschildern und Handschellen. Spezialeinheiten in Ganzkörperschutzanzügen, die mit geschulterten Maschinenpistolen auf Motorrädern an Straßenecken Wache halten oder Patrouille fahren. Der Besuch der Spiele in Brasilien wurde begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot, denn die Angst vor Ausschreitungen und verletzten WM-Touristen im Gastgeberland war latent. Die Fifa-Bannmeile um die Stadien war so gesichert, als fände an jedem Spielort gleichzeitig ein G-14-Gipfel statt. Die Folge: Absurde Abwanderungsszenarien wie in Sao Paulo, wo Fans auf dem Weg zur Metro, getrennt durch Schutzzäune und durch Einsatzkräfte gesichert, wie im Spießrutenlauf kilometerweit an kreischenden Favelabewohner vorbeigeleitet wurden, die die Stadionbesucher um Geld und Plastikbecher anflehten.

Verspätung

Die unwetterartigen Regenfälle beim Spiel der deutschen Mannschaft gegen die USA in Recife sorgten für Überschwemmungen in der ganzen Stadt und für einen Verkehrsinfarkt nach dem Spiel. Die deutschen Journalisten, die im DFB-Flieger angereist waren, verpassten den Rückflug und wurden kurzerhand in den Hotelbetten untergebracht, die in der Nacht zuvor von den Nationalspielern belegt worden waren. So gelang es den Kollegen, nachdem sie vor 24 Jahren erstmals offiziell nicht mehr im Mannschaftshotel übernachten durften, endlich wieder, einen Blick ins Innerste der häuslichen Abläufe des Teams zu erhaschen. Besonders tragisch endete der WM-Ausflug einer indischen Reisegruppe, die nur für das Viertelfinale Brasilien gegen Kolumbien angereist war. Weil der Flughafen in Rio wegen Nebels geschlossen war, fiel der Weiterflug der Gäste aus Mumbai nach Fortaleza aus. Die 20-köpfige Gruppe verfolgte das Match auf der Fanmeile an der Copacabana, zwei Mitreisenden wurde das Portemonnaie geklaut, anschließend flogen sie wieder nach Hause.

Zuckerhut

Im Gegensatz zur Sehnsucht der deutschen Delegation, die Nationalspieler in Ruhe und Abgeschiedenheit einzuquartieren, bevorzugten die Niederländer ein Hully-Gully-Resort direkt in Ipanema im Cesar Park Hotel am Fuße des Zuckerhuts. Nach dem grandiosen 5:1-Auftaktsieg der Niederländer gegen Spanien, war die Lust auf Fußball bei Arjen Robben und Robin van Persie offenbar derart gestiegen, dass sie nachts über die Promenade flanierten und schließlich im Sand den Strandkickern zusahen, die dort bis in den frühen Morgen ihre Spiele austragen. Als zwei Mitspieler müde wurden und den Heimweg antraten, sprangen die beiden Top-Stürmer kurzfristig als Ersatz ein. Dem Vernehmen nach hatten sie im tiefen Sand gegen die austrainierten Beachsoccer-Amateure jedoch ihre liebe Müh. Immerhin hatten beide die Chance auf eine Revanche gegen Brasilien im Spiel um Platz drei.

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