• WM 2014 - und darüber hinaus: Otto Pfister über afrikanischen Fußball: „Es ist ein Teufelskreis“

WM 2014 - und darüber hinaus : Otto Pfister über afrikanischen Fußball: „Es ist ein Teufelskreis“

Trainer Otto Pfister über die Chancen der Afrikaner beim WM-Turnier in Brasilien, Strukturprobleme und selbst erlebte Prämienstreitigkeiten.

Ronald Wiedemann
Otto Pfister, 76, arbeitet seit 1972 als Trainer auf dem afrikanischen Kontinent. Derzeit betreut er ein Vereinsteam im Sudan
Otto Pfister, 76, arbeitet seit 1972 als Trainer auf dem afrikanischen Kontinent. Derzeit betreut er ein Vereinsteam im SudanFoto: p-a/dpa

Otto Pfister, bis Sonntag gab es in Brasilien nur zwei Siege für afrikanische Teams. Sind Sie überrascht?

Nein, keinesfalls. Es war absehbar, dass die afrikanischen Teams in Brasilien chancenlos sein werden. Ich glaube, dass alle fünf Mannschaften bereits in der Vorrunde scheitern werden.

Dabei wird schon seit vielen Jahren davon gesprochen, dass die Zeit reif sei für den ersten Weltmeister aus Afrika.
Die Leute, die so etwas sagen, haben keine Ahnung. Es mangelt an der dafür nötigen Infrastruktur – und am Geld. Zum Beispiel für ein ordentliches Trainingslager. Die Voraussetzungen sind ganz anders als beispielsweise bei der deutschen Mannschaft. Die kann sich professionell auf das Turnier vorbereiten. Die afrikanischen Teams, die bei der WM in Brasilien dabei sind, haben ein Generationenproblem. Nehmen wir nur Kamerun. Volker Finke hat vier, fünf Spieler in seinen Reihen – zum Beispiel Song –, die in ihren Vereinsmannschaften kaum noch eingesetzt werden. Und die jungen Spieler sind noch nicht so weit. Das gilt auch für Nigeria und Ghana.

Dabei gilt doch Afrika als schier unerschöpfliches Reservoir für Nachwuchstalente.
Diese Talente gibt es auch. Aber in Afrika tummeln sich sehr viele Scouts. Und jeder Nachwuchsspieler will unbedingt nach Europa. Doch nur einige setzen sich dort wirklich durch. Wer es nicht schafft, verkümmert in Europa und geht für den afrikanischen Fußball für immer verloren.

Haben es die nationalen afrikanischen Fußballverbände versäumt, ein funktionierendes Nachwuchssystem aufzubauen?

Davon sind wir meilenweit entfernt. Es gibt ja nicht einmal Nachwuchsligen. Die Buben kicken halt irgendwo herum, spielen aber nicht in regulären Mannschaften. Es kostet Geld, eine solches System aufzubauen – und Geld ist nicht vorhanden. Nur wenn sich ein Team für die Weltmeisterschaft oder den Afrika-Cup qualifiziert hat, wird punktuell und kurzzeitig Geld locker gemacht. Ich bin ja derzeit im Sudan beschäftigt. Dort wird immerhin versucht, eine U-18-Liga aufzubauen.

Es gibt doch auch europäische Klubs, die in Afrika Akademien gegründet haben, um den Nachwuchs vor Ort zu fördern.
Das können Sie vergessen. Nehmen wir Red Bull Salzburg, das in Ghana eine solche Akademie eröffnet hat. Und was ist daraus geworden? Nicht ein Spieler ist dabei herausgekommen. Man hofft, mit geringem Aufwand einen Diamanten wie Eto’o oder Drogba zu finden und dann das große Geld damit zu machen. Aber dafür muss man auch etwas tun, professionelle Trainer einstellen und die ordentlich bezahlen, das Ganze kontrollieren und nicht sich selbst überlassen. Letzteres passiert aber in aller Regel. Mit einer Ausnahme: die Akademie des Klubs Asec Mimosa in der Elfenbeinküste. Dort wurden tatsächlich zwei professionelle Trainer eingestellt.

Manche Beobachter sprechen immer noch von einem modernen Sklavenhandel mit afrikanischen Talenten. Sehen Sie das ähnlich?
Sklavenhandel? Ich weiß nicht. In Europa blüht doch auch das Geschäft mit Nachwuchsspielern. Aber natürlich muss man mit einem jungen Menschen aus Afrika anders umgehen, man darf ihn nicht einfach in eine Zwei-Zimmer-Wohnung stecken, ohne dass sich jemand um ihn kümmert – was leider immer noch häufig genug geschieht. Neben der nicht vorhandenen Nachwuchsarbeit, scheint der afrikanische Fußball auch unter der Einmischung der Politik erheblich zu leiden. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern.

Warum so pessimistisch?
Weil die nationalen Fußballverbände selbst kein Geld haben. Es fehlen die Einnahmen aus TV-Verträgen. So ein Trainingslager für einen 25-köpfigen Kader kostet ordentlich Geld. Und wer soll das bezahlen? Da bleibt nur der Staat. Die Regierung fühlt sich ihrerseits bei der Bevölkerung wieder unter Zugzwang und setzt Trainer und Mannschaft unter Druck – es ist ein Teufelskreis. Nigerias Staatspräsident hat doch tatsächlich vor der WM 2010 vollmundig versprochen: „Wir werden Weltmeister.“ Da kann man als Trainer eigentlich nur noch mit „Na dann, gute Nacht“ antworten. Wenn ein Bundesligatrainer von Stress redet, kann ich nur lachen. Das ist doch ein Ferienjob.

Warum muten Sie sich dann immer wieder diese schwierigen Aufgaben mit all den Begleiterscheinungen zu?
Weil es mein Job ist, weil ich damit Beruf und Hobby verbinden kann und immer wieder neue Länder, neue Menschen und neue Kulturen kennenlerne. Bei einem deutschen Zweitligisten als Trainer zu arbeiten? Das liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Mit Nigerias Stephen Keshi und Ghanas Kwesi Appiah sind bei der WM 2014 auch zwei afrikanische Trainer dabei. Ansonsten holt man sich gerne Führungspersonal aus Europa. Warum?
Nigeria hat für die WM 2010 den Schweden Lars Lagerbäck eingeflogen und war bereit, für ein paar Monate viel Geld auszugeben. Dann hat man gesehen, das funktioniert nicht. Die Mannschaft ist bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Jetzt versucht man es mit einem einheimischen Trainer. Und wenn der Erfolg auch hier ausbleibt, wird man wieder auf einen ausländischen Trainer setzen. Generell ist es so, dass es einheimische Trainer in Afrika sehr, sehr schwer haben. Natürlich hapert es auch an der Trainerausbildung selbst.

Was bei der WM-Vorbereitung afrikanischer Teams nicht fehlen darf, ist der Prämienstreit – diesmal traf es Kamerun und Nigeria. Was halten Sie davon?
Ich kann die Spieler verstehen. Da werden ihnen nach einer erfolgreichen Qualifikation Zusagen gemacht und dann nicht eingehalten. Für einen Drogba, Eto’o oder Adebayor spielen 100 000 Euro keine Rolle. Aber für einen Spieler, der bei einem Verein in Togo oder Nigeria unter Vertrag steht, sieht das ganz anders aus.

Sie selbst haben 2006 als Trainer von Togo eben wegen solcher Querelen unmittelbar vor dem ersten Spiel das WM-Quartier verlassen. Warum dieser drastische Schritt?
Weil ich auf die Funktionäre Druck ausüben wollte. Und dann sind die versprochenen Prämien ja auch ausbezahlt worden. Also kehrte ich wieder zur Mannschaft zurück.

Welcher afrikanischen Fußballnation trauen Sie für die Zukunft am meisten zu?
Das ist ganz schwer zu sagen. Südafrika verfügt über die mit Abstand beste Infrastruktur und eine Profiliga. Aber Südafrika hat keine guten Spieler. Nigeria hätte rein fußballerisch das nötige Potenzial. Doch die haben Krieg im eigenen Land.

Und Ghana? Die haben jetzt immerhin ein 2:2 gegen Deutschland geschafft.
Das Land hat ebenfalls überdurchschnittliche Talente. Doch die Infrastruktur ist auch hier mehr als bescheiden. Ghana ist zum vierten Mal bei einer WM dabei, verfügt aber nur über zwei vernünftige Fußballplätze.

Anthony Baffoe versucht, in Ghana professionelle Strukturen aufzubauen. Was halten Sie von seinen Bemühungen?
Er zeigt guten Willen, ist aber in Europa geboren, wohnt in Köln und kämpft jetzt mit den Problemen in Ghana, wenn er unten ist. Ich habe Tony früher auch mal trainiert. Genauso wie Ghanas derzeitigen Nationaltrainer, Kwesi Appiah. Der ist nach der Niederlage gegen die USA schon sehr unter Druck geraten. Das gab echt Trouble. Auch weil Appiah Boateng auf die Bank gesetzt hat. Ich bin gespannt, wie viel Power Appiah hat, wie unabhängig er ist. Das Unentschieden gegen Deutschland dürfte seiner Reputation sicher gut tun.

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