WM 2014 und Frankreich : Algerische Fans und Marine Le Pen

Algerien feierte in Brasilien die erfolgreichste WM seiner Fußballgeschichte. Auch in Frankreich wurde in der algerisch-stämmigen Bevölkerung eifrig gejubelt. Das rief die rechtsextremen Politiker auf den Plan.

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Algerische Fans haben den Erfolg ihrer Nationalmannschaft eifrig gefeiert.
Algerische Fans haben den Erfolg ihrer Nationalmannschaft eifrig gefeiert.Foto: dpa/picturealliance

Anscheinend konnte nur Mesut Özil endlich die Stille bringen. Mit seinem späten Linksschuss beendete der deutsche Mittelfeldspieler die lange Feier der Algerier. Ihre tapfere Mannschaft schied aus – es gab kein Straßenfest für die tausenden algerischen Fans in Frankreich.

„Es war fast überall eine ruhige Nacht“, teilte gestern früh das französische Innenministerium mit. Das wurde eigentlich nicht erwartet, denn seit dem Wochenende sorgt die Begeisterung der algerischen Fußballfans in Frankreich für eine bittere, oft hässliche Debatte.

Entzündet wurde diese nach dem Einzug der algerischen Nationalmannschaft ins Achtelfinale am vergangenen Donnerstag. Die erste überstandene Gruppenphase einer WM in der algerischen Fußballgeschichte wurde in verschiedenen Großstädten eifrig gefeiert. Tausende waren auf die Straßen von Paris, Lille, Lyon und Marseille gekommen, die meisten in Algerien-Flaggen gehüllt. Dort trafen sie auf ein großes Polizeiaufgebot. Und dann kam das Chaos. Autos wurden angezündet, auf die Polizisten wurden Steine geworfen. Sie reagierten darauf mit Pfefferspray sowie Tränengasgranaten. Es wurde in der Nacht zu Freitag von insgesamt 74 Festnahmen berichtet.

Es folgte ein politischer Sturm. Das Innenministerium sprach von einer „Minderheit, die die WM als eine Ausrede genutzt hat, Polizisten anzugreifen“. Später mag der Pressesprecher das Wort „Minderheit“ bereut haben. Über das Wochenende wurde die Debatte hässlich.

Was wäre die WM ohne ihre Fans?
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Marine Le Pen, Chefin der rechtsextremistischen Partei „Front National“, bewertete die Ausschreitungen als Stärkung ihrer Argumente gegen Immigration und doppelte Staatsangehörigkeit. Dass Franzosen mit algerischem Hintergrund bevorzugten, die algerische Elf zu unterstützen, zeige das Scheitern der Integrationspolitik, meinte sie. Noch polemischer war die Entscheidung von Christian Estrosi, dem Oberbürgermeister von Nizza, alle ausländische Flaggen bis zum Ende der WM zu verbieten, um die „Ordnung“ zu sichern. Zwar gilt die Regel nur abends im Stadtzentrum, auf Verständnis traf das Verbot aber kaum.

Dass es am Montagabend ruhiger war, lag wohl nicht nur an dem Ergebnis gegen Deutschland. Schließlich hatten die Algerier nach der erfolgreichsten WM ihrer Geschichte trotz der Niederlage genug zu feiern. Zudem wurde der Polizeieinsatz zum Spiel in fast jeder Großstadt wesentlich erhöht. Nur in Lyon kam es noch zu Konflikten zwischen Fans und Polizei.

Erledigt ist dieses Kapitel aber nicht. Frankreich spaltet sich. Das mag ja nichts extrem Außergewöhnliches sein, aber fußballerisch gesehen darf man es schon als traurig betrachten. Mindestens der Fußball schien beim WM-Sieg 1998 die ewigen Integrationsprobleme Frankreichs zur Seite gelegt zu haben, als die multikulturelle Mannschaft um den aus Algerien stammenden Ausnahmespieler Zinedine Zidane den Titel holte. 16 Jahre später scheint alles wieder auf null gestellt zu sein.

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