WM 2014 - Vor dem Viertelfinale : Thomas Müller: "Haben uns 120 Minuten den Arsch aufgerissen"

Thomas Müller kontert vor dem Viertelfinale Deutschland - Frankreich die Kritik am deutschen Spiel, verteidigt das TV-Interview von Per Mertesacker und zeigt sich genervt von unrealistischen Erwartungen.

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Die richtige Wendung. Thomas Müller ist mit der Art der Kritik am deutschen Spiel nicht einverstanden.
Die richtige Wendung. Thomas Müller ist mit der Art der Kritik am deutschen Spiel nicht einverstanden.Foto: imago/Moritz Müller

Thomas Müller, rechnen Sie nach dem holprigen Algerienspiel mit einer Trotzreaktion gegen Frankreich?
Trotzreaktion? Ich weiß nicht. Offenbar gibt es unterschiedliche Sichtweisen, was das Spiel anbelangt. Ich kann ja mal für euch das Spiel betrachten.

Bitte, sehr gern.
Die erste Halbzeit war nicht das, was wir uns vorstellen. Wir hatten zu viele Ballverluste, was automatisch dazu führte, dass wir Probleme bei den Gegenstößen bekamen. Schnelle Ballverluste machen es dem Gegner immer relativ leicht. In dieser Phase gab es ein paar Szenen, in denen wir einen guten Manu…

… Torwart Manuel Neuer
… ja, wo wir ihn gebraucht haben und auch ein bisschen Glück hatten. Aber mit Beginn der zweiten Halbzeit waren wir spielbestimmend. Wir hatten eine Vielzahl von guten Torchancen, die man – um anschließend keine Diskussionen zu haben – einfach mal machen muss. Wenn wir das Spiel nach 90 Minuten mit 2:0 gewinnen, dann hätten wir nicht so ein kleines Theater, wie wir es jetzt haben. Aus unserer Sicht zumindest.

Wie ist denn die Sicht der Mannschaft? Fühlt sie sich ungerecht behandelt?
So will ich das nicht sagen. Aber sehen Sie, wir haben richtig Gas gegeben, wir haben uns auch nicht von den vergebenen Torchancen unterkriegen lassen. Wir haben bis auf ein, zwei Wackler wirklich ab der zweiten Halbzeit eine ordentliche Leistung gebracht. Wir waren in der Verlängerung spielbestimmend und haben dann zwei Tore gemacht.

Und eins bekommen.
Dass wir dann noch das Gegentor kriegen, ist ein kleiner Wermutstropfen. Das hat dann wohl wieder eine Schwachstelle aufgezeigt, wegen der man aber nicht sagen kann, dass der Sieg letzten Endes souverän war. Das sorgt dann für eine negative Sichtweise.

WM 2014: Deutschland - Algerien in Bildern
Gut gegangen: Die beiden Torschützen Mesut Özil (l.) und André Schürrle, die mit ihren Treffern den mühevollen Sieg gegen Algerien sicherten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 33Foto: AFP
01.07.2014 01:14Gut gegangen: Die beiden Torschützen Mesut Özil (l.) und André Schürrle, die mit ihren Treffern den mühevollen Sieg gegen Algerien...

Halten Sie die Kritik für überzogen?
Die Kritik ist nicht überzogen. Die Art und Weise, wie sie rübergebracht wird, ist die falsche.

Zum Beispiel?
Was zum Beispiel soll die Frage nach einer Wiedergutmachung? Wiedergutmachung wofür? Wir sind in die nächste Runde gekommen. Noch einmal: Dass die erste Halbzeit nix war, wissen wir selbst. Und die inhaltliche Kritik, dass wir Fehler gemacht haben, die nehmen wir gerne an. Aber wir haben uns 120 Minuten lang den Arsch aufgerissen und ein Spiel, das eng war, auch gewonnen.

Wir erklären Sie sich die massive Kritik?
Ich denke, es hat viel mit dem Namen des Gegners zu tun, der nicht so groß ist. Und dann gibt es plötzlich eine Kluft zwischen der allgemeinen Erwartung und dem tatsächlichen Spiel.

Können Sie das nicht verstehen?
Ich habe irgendwo gelesen, dass 15 der 23 algerischen Spieler in Frankreich geboren sind. Die haben dort das Fußballspielen gelernt. Da sind auch beste Bedingungen. Ich denke also nicht, dass wir – wie Per Mertesacker schon richtig gesagt hat – gegen eine Karnevalstruppe gespielt haben. Natürlich ist unser Anspruch, gegen Algerien zu gewinnen. Das haben wir auch getan, auch wenn es über Umwege war. Aber ich finde, man sollte nach dem Spiel nicht das Gefühl haben, dass wir uns entschuldigen müssen.

War der Ausspruch von Per Mertesacker nicht eine Überreaktion?
Nö, es war die Wahrheit, so wie er sich gefühlt hat. Er hat es doch auf den Punkt gebracht.

Schweißt die Kritik jetzt sogar noch mehr zusammen?
Nee. Worum geht es denn? Sollen wir es den Reportern zeigen, oder was? Wir spielen nicht für die Reporter. Wenn Mannschaften aus anderen Ländern so ein Spiel in dieser Art gewinnen, wird es als Cleverness ausgelegt. Und bei uns? Ich will nicht Weltmeister werden und danach mich hinstellen müssen und sagen: Sorry, dass wir das Finale bloß mit einem Tor Unterschied gewonnen haben.

Dann hat die Kritik die Mannschaft doch ganz schön getroffen, oder?
Dass es Kritik gibt, ist gut und richtig so, aber es sollte nicht so sein, dass der Ausblick immer so negativ ist. Man kann doch sagen, das Spiel war Mist, aber wenn die Mannschaft das und jenes besser macht, wird es werden. Und nicht: Gegen Frankreich fliegen wir sowieso raus, denn die sind im Vergleich zu unserer Leistung ja eine Übermannschaft.

Ist dieser Eindruck rübergekommen?
Ja, so kommt es rüber. Ich verstehe ja, dass sich extreme Überschriften besser verkaufen.

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