WM 2014 - was wird aus Fred, Scolari und Co.? : Brasilien braucht den Neuanfang

Das Spiel um Platz drei wird die letzte Vorstellung einer gescheiterten Generation. Ein Neuanfang in Brasilien ist unvermeidlich – nicht nur sportlich.

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Team ohne Zukunft? Oscar (l.) wird auch weiterhin eine wichtige Rolle in der brasilianischen Mannschaft spielen, Fred dagegen wohl kaum.
Team ohne Zukunft? Oscar (l.) wird auch weiterhin eine wichtige Rolle in der brasilianischen Mannschaft spielen, Fred dagegen wohl...Foto: AFP

Zum Abschied kehrte der Nebel zurück nach Teresopolis. Es war wie vor ein paar Wochen, in den späten Mai-Tagen, als die brasilianische Nationalmannschaft hier ihr WM-Quartier bezogen hatte, hoch über Rio in der Serra dos Orgaos, dem Orgelpfeifengebirge. Auf dem Trainingsplatz konnten die Brasilianer damals nicht von einem Tor zum anderen schauen. So dicht stand der Nebel, auch symbolisch für die Selbstzweifel der Nationalmannschaft, ob sie denn gut genug seien für das Projekt Hexacampeao, den Gewinn der sechsten Weltmeisterschaft.

Sie waren nicht gut genug. Neymar hat für die Seleçao des Jahres 2014 den Begriff „Fracassados“ gewählt. Die Gescheiterten. „Wir haben normalen Fußball gezeigt, und das hat für das Halbfinale gereicht. Aber es war nicht der außergewöhnliche, der brasilianische Fußball“, sprach der Mann, der als einziger für außergewöhnlichen, für brasilianischen Fußball stand. Neymars Virtuosität täuschte hinweg über die wahre Leistungsfähigkeit dieser Mannschaft. Als er im Halbfinale wegen eines gebrochenen Wirbels nicht zur Verfügung stand, wurde Brasilien von den Deutschen gnadenlos seziert.

Für einige könnte es das letzte Spiel in der Seleçao brasileira sein

Zum Abschied kam Neymar da Silva Santos Júnior noch einmal zurück ins Quartier, er trug sein Trikot mit der Nummer 10 und den Unterschriften aller Spieler. Ein paarmal hat er sich die Tränen mit der flachen Hand aus dem Gewicht gewischt und um Entschuldigung gebeten, „desculpe, desculpe!“ Und dann hat Neymar doch geweint, bei der Schilderung des fatalen Momentes, der Attacke des kolumbianischen Verteidigers Juan Zúñiga in in seinen Rücken – „hätte er mich zwei Zentimeter weiter in der Mitte getroffen, könnte ich jetzt im Rollstuhl sitzen“.

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09.07.2014 00:20Kaum zu glauben, aber wahr! Deutschland schlägt Brasilien in Belo Horizonte 7:1 und steht zum achten Mal im WM-Finale.

Neymar muss noch lange pausieren, aber er ist wieder transportfähig und wird nach der Rückkehr ins Orgelpfeifengebirge auch die Reise nach Brasilia antreten, zum Spiel um Platz drei am Samstag gegen die Niederlande. „Wir wollten dieses Spiel nicht“, sagt der Mittelfeldspieler Hulk, aber es muss nun mal sein, und für einige könnte es ein besonderes Spiel sein, nämlich das letzte im Trikot der Seleçao brasileira. Vielleicht darf Daniel Alves in Brasilia noch mal auflaufen, auch wenn er seine Landsleute wissen ließ, er spiele eigentlich nur um erste Plätze, „und wenn das nicht geht, widme ich mich lieber anderen Dingen“. Alves war mal der beste Offensivverteidiger der Welt, hat das aber bei der WM so gekonnt kaschiert, dass er schon zum Viertelfinale gegen Kolumbien nicht mehr mitmachen durfte.

Fred lief im Halbfinale nur knapp mehr als Manuel Neuer

Neymar bedankte sich vor der Abreise nach Brasilia ausdrücklich dafür, „dass ich mit Spielern wir Julio Cesar und Fred in einer Mannschaft stand“. Wie anders könnte das interpretiert werden denn als Abschiedsgruß? Der Torhüter Cesar ist 34 Jahre alt und spielt beim bevorstehenden Neuaufbau keine Rolle mehr. Beim Stürmer Stürmer Fred, 30, spielt das Alter keine entscheidende Rolle, aber mit seiner Tapsigkeit und seinem Mangel an Esprit steht er für genau den Fußball, mit dem man in Brasilien nichts mehr zu tun haben wollen. Nach der Humilhaçao historica, der historischen Demütigung gegen die Deutschen, listeten die Zeitungen Statistiken auf, nach denen Fred eine schlechtere Passquote hatte als Manuel Neuer und nur unwesentlich mehr gelaufen war. In einer Umfrage von ESPN Brasil hat er beste Chancen, zum schlechtesten Spieler des Turniers gewählt zu werden.

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11.07.2014 15:24

Das Festhalten am glück- und erfolg- und mittellosen Fred ist einer der großen Kritikpunkte an der Arbeit des Nationaltrainers. Luiz Felipe Scolari muss nicht zurücktreten und auch nicht entlassen werden, denn sein Vertrag läuft nach der WM aus. Scolari ist 65 Jahre alt und niemand behauptet ernsthaft, er und sein sechs Jahre alter Gefolgsmann Carlos Alberto Parreira könnten einen Neuaufbau einleiten. Scolari und Parreira stehen für das Vergangene. Für die bislang letzten WM-Titel, gewonnen 2002 in Fernost und 1994 in den USA. Für den brasilianischen Hang zum Selbstbetrug, für die Hoffnung, es werde schon irgendwie weitergehen, zur Not mit einem „Jeitinho“, einem dieser Tricks und Kniffe, mit denen sich die Brasilianer gern durch den Alltag mogeln. Jetzt, da dieser Selbstbetrug auf dem Fußballplatz aufgeflogen ist, erinnern sie sich zwischen Fortaleza und Florianopolis an Scolaris Jobs, bevor er im Herbst 2012 aus der Rente heraus nach der Entlassung von Mano Menezes zum Nothelfer für die WM rekrutiert wurde. Beim FC Chelsea musste er schon nach ein paar Monaten gehen und mit dem Traditionsklub Palmeiras Sao Paulo stieg er nur deshalb nicht ab, weil er ein paar Wochen zuvor die Kündigung bekam.

Kritik an Felipe Scolari

Spät erst wundert sich das Land über Scolaris seltsame Taktik, in der etwa der Torhüter überhaupt nicht in die Spieleröffnung einbezogen wird. Seine Trainingsmethoden gelten als antiquiert, bei der Zusammenstellung des Kaders soll der Aberglaube eine gewichtige Rolle gespielt haben – Scolari wollte das Glück zwingen mit fast der identischen Mannschaft, die vor einem Jahr den sportlich eher unbedeutenden Confed-Cup gewonnen hatte. Also auch mit Fred, obwohl der sich eine Saison lang von Verletzung zu Verletzung gequält und kaum getroffen hatte.

Scolari beharrt vor seiner Abschiedsvorstellung darauf, „es sei gut gelaufen bis auf diese sechs Minuten mit vier Gegentoren gegen die Deutschen“. Er würde alles wieder so machen und immerhin sei Brasilien mit ihm ins Halbfinale eingezogen, zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft seit zwölf Jahren“. Das aber war nicht der Anspruch, und deswegen läuft auch schon die Suche nach einem Nachfolger. Der Favorit heißt Adenor Bacchi, die Brasilianer nennen ihn Tite. Der Mann hat vor bald zwei Jahren gewonnen, was Scolari diesmal verwehrt blieb, nämlich die Weltmeisterschaft. Im Dezember 2012 triumphierte Tite mit den Corinthians aus Sao Paulo bei der Klub-WM in Japan.

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