WM 2014 - Wie umgehen mit der Hitze? : Abkühlen hilft beim brasilianischen Wetter

Der Sportmediziner Hans-Georg Predel spricht im Interview über die Nöte der Spieler im heißen Klima Brasiliens, Lahms ungewöhnliche Aussetzer und den leichten Vorteil der lateinamerikanischen Teams.

Stephan Reich
In Brasilien kann es sehr warm und schwül werden, auch im Winter.
In Brasilien kann es sehr warm und schwül werden, auch im Winter.Foto: dpa

Professor Predel, Sie sind an der Deutschen Sporthochschule Köln Fachmann für Leistungsmedizin. Spieler und Trainer klagen über das Klima und die damit verbundenen „kritischen Belastungen“. Was ist denn kritisch an der Belastung?

Also zunächst muss man festhalten, dass der menschliche Körper, zumal der von jungen und gesunden Sportlern, sehr viel aushält. In den Medien klang es jetzt oft so, als würden sich die Spieler bei der WM gesundheitsgefährdenden Bedingungen aussetzen und stünden vor dem Kollaps. Das ist eigentlich Quatsch, wenn man ein paar Dinge berücksichtigt, die bei Profis ohnehin selbstverständlich sind.

Nämlich?

Dass man sich nicht in der prallen Sonne aufhält und wenn, nur geschützt. Dass man ausreichend Flüssigkeit vor und während des Spiels zu sich nimmt. In der Diskussion geht es aber ja eher um die Leistungsfähigkeit, und die ist schon eingeschränkt. Bei Belastungen im Grenzbereich, und da können wir eine Fußball-WM getrost hinzuzählen, sieht man, dass die klimatischen Bedingungen auch bei hochtrainierten Profis einen leistungsmindernden Effekt haben, besonders was Konzentration und Koordination angeht. Nicht wesentlich, aber so über den Daumen fehlen vielleicht drei bis fünf Prozent. Und das können im Spitzensport ja die entscheidenden Prozent sein. Man kann eine erhöhte Fehlerquote beobachten, etwa die untypischen Ballverluste Philipp Lahms im Mittelfeld, die dann zu Kontern führen. Das sind Kollateralschäden des Klimas.

Also haben wir den klimatischen Bedingungen zu verdanken, dass die WM derart spektakulär verläuft?

Absolut. Das Klima beeinflusst auch taktische Überlegungen. Die Teams wollen ein Tor schießen, solange sie noch frisch sind. Ist die Frische dann weg, steigt die Fehlerquote und es kommt zu solchen Schlachten wie gegen Ghana.

Das eigentliche klimatische Problem ist die Luftfeuchtigkeit, nicht die Temperatur. Warum?

Die körpereigene Klimaanlage funktioniert nicht mehr. Bei Belastung schwitzt der Körper und gibt darüber Hitze ab. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kann der Körper den Schweiß aber nicht mehr so gut absondern, weil die Luft in der Umgebung sehr feuchtigkeitsgesättigt ist. Es gibt also keine Verdunstungskälte und die Körperkerntemperatur steigt.

Der Italiener Claudio Marchisio berichtete nach dem Spiel gegen England von Halluzinationen. Das klingt stark nach einem Warnsignal.

Das ist es auch. Hätte er das während des Spiels geäußert, hätte ihn ein verantwortungsvoller Mannschaftsarzt vom Platz genommen. Da sieht man, was über die angesprochenen geringgradigen Einschränkungen hinaus passieren kann. Es kann nämlich zu ernst zu nehmenden neurologischen Einschränkungen kommen, etwa im Bereich der Wahrnehmung. Die nächsten Schritte wären Bewusstseinstrübung und Fieberkrämpfe.

Muss man sich denn Sorgen machen?

Die Belastungsgrenze ist fließend, aber ich glaube nicht, dass ein Spieler mit einem Hitzschlag umkippen wird. Alle Mannschaften, auch die aus kleineren Nationen, sind medizinisch professionell aufgestellt und werden das zu verhindern wissen.

Sind die Trinkpausen eine gute Idee?

Absolut. Nur greifen sie zu kurz. Man müsste eigentlich zwei Trinkpausen pro Halbzeit machen, das würde den Spielern sicherlich guttun. Ich behaupte auch, dass die Koordinations- und eventuellen Wahrnehmungsprobleme wie im Falle von Marchisio zu den überdurchschnittlich häufigen Zusammenstößen etwa in Kopfballduellen führen. Übrigens ist die Hitze auch schuld an den vielen Fouls.

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