WM 2014 : Wo die Nationalelf eigentlich wohnen wollte

Die deutsche Elf wollte in Praia do Forte ihr Quartier beziehen – nun residieren dort die Kroaten zwischen Luxus und Mafia.

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Wir zeigen an dieser Stelle nicht die nackten Spieler, aber den schönen Strand in Praia do Forte als Entschädigung
Wir zeigen an dieser Stelle nicht die nackten Spieler, aber den schönen Strand in Praia do Forte als EntschädigungFoto: dpa

Jeder WM-Teilnehmer bekommt den Aufenthaltsort, den seine Spieler verdienen. Die Niederländer schlendern die Copacabana entlang und kicken im Sand. Die US-Amerikaner tauchen tief in das Stadtzentrum von Sao Paulo ein und freuen sich über die perfekten Trainingsbedingungen und die kurzen Wege. Die Deutschen verbarrikadieren sich auf einer einsamen Insel und machen den Medientross, der ihnen folgt, zu passionierten Fährleuten. Und die Kroaten bevorzugen extrovertierten Luxus in der Reichenoase Praia do Forte.

Im 5-Sterne-Hotel „Tivoli“ haben sie sich in den letzten Tagen derart heimisch gefühlt, dass Teile der Mannschaft sogar nackt im Hotelpool badeten. Blöd nur, dass ein Fotograf die hölzernen Mauern des Ressorts überwunden hatte und eifrig auf den Auslöser drückte. Der Boulevard nannte die Kroaten fortan die „Nacktionalspieler“ und die Spieler reagierten empört. Sie boykottierten die Medien. „Die Spieler werden keine Interviews mehr geben. Stellen Sie sich vor, Sie wären an Ihrer Stelle“, gab Trainer Niko Kovac den Journalisten mit auf den Weg. Die Situation entspannte sich dann aber wieder.

Bis dahin hatten sich die Männer vom Balkan recht wohl gefühlt. Abends bevölkerten die Spieler die Bars in der etwa 800 Meter langen Fußgängerzone mit ihren Boutiquen und Schmuckdesignern, die direkt hinunter ans Meer führt. Oliver Bierhoff hatte das „Tivoli“ auch als Quartier in der engeren Auswahl, am Ende war ihm der Trubel in diesem Glamourparadies aber wohl doch zu groß. Dabei wohnen dort nur rund 1000 Menschen, allerdings bläht sich das Kaff an den Wochenenden fast bis aufs Vierfache auf, weil die Betuchten ihre Wochenenddomizile beziehen. Bis zu einer Million Euro soll hier eine Pousada kosten, eins der landestypischen Gästehäuser. Nirgendwo in Brasilien klaffen die sozialen Gegensätze krasser auseinander. Denn gerade mal achtzig Kilometer entfernt liegt Salvador de Bahia, die gefährlichste Stadt Brasiliens, mit ihren Armenvierteln und rund 2500 Morden im Jahr. Was für die weiße Bevölkerung von Johannesburg einst „Sun City“ war, das ist für die betuchten Salvadorianer Praia do Forte. Allerdings ohne das Vergnügungs- und Glücksspielviertel. Die Idee für die Retortenstadt stammte vom deutschstämmigen Brasilianer Klaus Peters, der 1971 hier eine 5400 Hektar große Kokosnussplantage erwarb, mit dem Ziel, darauf eine Touristenoase zu erbauen.

Sprunghaft. Die kroatische Mannschaft zwischen Trainingsplatz und Pool.
Sprunghaft. Die kroatische Mannschaft zwischen Trainingsplatz und Pool.Foto: AFP

„Es gibt hier kein Sicherheitsproblem“, sagt Vladimir Ilitch, 41, der sein Geld damit verdient, für schwerreiche Besucher und deren Familien individuelle Urlaube in Praia do Forte zu planen. Doch die Drogenmafia scheint ihre Fühler auszustrecken, gerade unter Jugendlichen hat der Missbrauch von Kokain in jüngster Zeit zugenommen. Die WM bringt Praia do Forte zwar nur wenig Besucher, dafür liegt es zu weit ab vom Schuss. Doch zumindest der Trainingsplatz, der für das kroatische Team angelegt wurde, bleibt der kleinen Kommune für Amateurspiele erhalten. Vladimir Ilitch sagt: „Sie werden hier niemanden finden, der gegen die WM demonstriert. Die Einwohner sagen: Wenigstens passiert mal was.“ Tim Jürgens

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