WM-Bilanz : Vorangerudert

Die Weltspitze ist extrem zusammengerückt, das zeigte sich in München. Die Ruder-WM macht den Deutschen trotzdem Hoffnung für Peking.

Frank Bachner
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Kraftvoll zu Silber. Der deutsche Doppel-Vierer der Frauen.Foto: ddp

MünchenIrgendwann durfte jeder durch, die Ordner nickten nur, warum auch immer. Kein Ticket für die Tribüne bei der Ruder-WM? Kein Problem, einfach weitergehen. So füllten sich am ersten Finaltag sehr schnell die Sitzplätze. Nur wollten dann auch noch Leute hoch, die ein Ticket für 30 Euro gekauft hatten. Pech nur, dass ihr Platz bereits belegt war. Na und? Bernd Schumacher, der Chef des WM-Organisationskomitees, sah das locker. „Das ist doch das schönste Problem, das wir haben können. Die Tribüne war voll, und wir wussten nicht, wohin wir die Zuschauer setzen sollten.“

Mehr als 20 000 Zuschauer waren an beiden Finaltagen da, für Deutschland eine sensationelle Quote, und sie veranstalteten ein Höllenspektakel. „Dieses Publikum hätte Gold verdient gehabt“, sagte Michael Müller, der Sportdirektor des Deutschen Ruderverbands (DRV). Es gab aber kein Gold für Deutschland, zum ersten Mal bei einer WM seit 1962, es gab drei Silber- und zwei Bronzemedaillen in den olympischen Klassen. Dazu kamen noch vier Medaillen im nichtolympischen Bereich.

Kein Titel? Gefühlt ist das eine riesige Enttäuschung. Kathrin Boron und Marcel Hacker, der WM-Zweite von 2006 im Einer, hatten ja diese Gold-Erwartungen geschürt. Sie sprachen vom Titelgewinn. Beide wurden Opfer ihres selbst gemachten Drucks. Borons Silber mit dem Doppel-Vierer wird nicht als Erfolg gesehen, Hacker als WM-Fünfter gilt als großer Verlierer. In Wirklichkeit hatte es kein einziges Boot gegeben, das großer Titelfavorit war. In Wirklichkeit ist die deutsche Bilanz auch gar nicht so schlecht. Und für die Olympischen Spiele 2008 lässt sich von dieser WM nicht allzu viel hochrechnen. Die Weltspitze ist extrem zusammengerückt, das zeigte sich in München. Aber diese Leistungsdichte ist zugleich auch eine Chance für die Deutschen, deshalb lässt sich so wenig vorhersagen. Wenn die Vorbereitung gut läuft, wenn die Idealbesetzungen früh genug gefunden werden, wenn die Tagesform stimmt, dann können Hacker, der Deutschland-Achter oder der Doppel-Vierer der Frauen zu Olympiagold fahren. Beim Weltcup in Amsterdam dominierten die Chinesen noch fast furchterregend, in München enttäuschten sie eher. Und der britische Vierer ohne Steuermann, ungeschlagen seit 2004, wurde in München nur Vierter.

Der deutsche Verband behindert sich eher mit hausgemachten Problemen. Jutta Lau, die Bundestrainerin, betrachtet es im Nachhinein „als Fehler, dass ich Peggy Waleska nicht im Einer gelassen habe und Susanne Schmidt nicht Doppelzweier fuhr“. So verpasste Schmidt als Einer-Neuling die Olympiaqualifikation, und der Doppelzweier mit Waleska und Christiane Huth glitt als Final-Sechste ins Ziel. Die Kombination Schmidt/Huth hätte Medaillenchancen gehabt.

Zudem schürten Kommentare und unerbetene Ratschläge von internen Beobachtern die Unruhe beim Deutschland-Achter. Das deutet auf ein verbandsinternes Problem hin. Sportdirektor Müller wird von Insidern vorgeworfen, er mische sich in die Besetzung von Booten ein. In zwölf von 14 Bootsklassen haben sich die Deutschen für Peking 2008 qualifiziert. Jetzt beginnt die Feinarbeit. „Wir müssen darauf bestehen“, sagt Müller, „dass die studierenden Athleten ein Urlaubssemester einlegen.“ Er möchte gerne wieder einen Titelgewinn verkünden.

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