WM-GASSENHAUER We Are The Champions : Ballettmucke für den Sieger

Es wird wohl wieder passiert sein. Etwa eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff, gleich nach der Siegerehrung, wird ein Mann in der Technikzentrale der Soccer City in Johannesburg auf den Play-Knopf gedrückt haben. Und dann haben wir es wieder gehört, wie jedes Mal, wenn irgendwer irgendwas gewinnt und sei es die Urkunde für 25 Jahre Mitgliedschaft im Taubenzüchterverein Castrop-Rauxel, diesmal also beim WM-Finale: „We Are The Champions“ von Queen.

Dass Freddie Mercury ein großer Tischtennisfan war, passt jetzt weniger zu seiner Rolle als Schöpfer der ultimativen Siegerhymne, aber im Reich der Mythen wird Unpassendes ohnehin verdrängt. Und doch: Der Queen-Sänger, seit 1991 im himmlischen Ruhestand, war tatsächlich kein Fußballfan, er liebte Tischtennis und zudem Cricket. Aber er hatte stets ein Faible und ein Gespür für Massenunterhaltung. Seine Songs, so lautete sein Credo, sollten nicht nur von Leuten mit einem bestimmten IQ gehört werden, sondern von allen Menschen. Entsprechend sah er „We Are The Champions“ durchaus als eine „Hymne mit Botschaft, aber nicht für den Weltfrieden“, so wie bei John Lennon, sondern „in eine ganz andere Richtung“.

Die Richtung musste er seinen Bandkollegen im Stadium der Songentstehung allerdings genauer erklären, da Brian May, Roger Taylor und John Deacon die Wir-sind-die-Größten-Message selbst für die Verhältnisse im selbstverliebten Rockzirkus arg großspurig fanden. Ihr Frontmann konnte ihnen jedoch glaubhaft versichern, dass die Preisung nicht der eigenen Band gelten sollte, sondern dem Publikum.

Als die Musiker den Song 1977 für das Queen-Album „News Of The World“ in einem Londoner Studio einspielten, produzierten die Sex Pistols nebenan gerade ihr Debütalbum. Während einer zufälligen Begegnung zwischen Sid Vicious und Freddie Mercury soll es zu einem legendären Wortwechsel gekommen sein, bei dem der angetrunkene Punkmusiker den Klavier spielenden Pomprockstar fragte: „Bringst du wieder Ballett-Mucke unter die Leute?“ Worauf Mercury meinte: „Na sicher, wir tun unser Bestes, Darling!“

Das Beste bedeutete für den bekennenden Stenz, sein Ego in eine monströse, unwiderstehliche Melodie fließen zu lassen, die das überschwängliche Siegergefühl in gebührender Anmaßung („No time for losers“) vermittelt. Obwohl die „The winner takes it all“-Haltung ganz dem Größenwahn und der Exaltiertheit von Freddie Mercury entsprach, bezeichnete er „We Are The Champions“ als den „egoistischsten und arrogantesten Song, den ich je geschrieben habe“.

Wie schnell dieser zu einer Stadionrockhymne werden würde, hatte selbst Mercury nicht geahnt, wie eine Interviewäußerung belegt: „Ich wollte einen Song zum Mitmachen, etwas, das sich die Fans zu eigen machen konnten. Es zielte auf die Massen ab. Ich dachte, wir werden sehen, wie sie es aufnehmen.“

Die leisen Zweifel zerstreuten sich rasch. Der Song, bei dessen Entstehung der Queen-Sänger nach eigener Auskunft eher an die Atmosphäre im American Football dachte, wurde von den Fußballfans rasch aufgegriffen und in die Feierrituale jedweder Leistungsklasse übernommen. Freddie Mercury konnte es noch miterleben und quittierte es mit ungewohnter Bescheidenheit: „Ich kann kaum glauben, dass noch niemand einen neuen Song geschrieben hat, um ihn zu übertrumpfen.“ Queen selbst schaffte es auch nicht mit ihrem Song „Football Fight“, der 1980 als B-Seite der Single „Flash“ erschien.

Eigentlich hat Queen mit „The Show Must Go On“ auch die passende Verliererhymne im Repertoire. Wäre da nicht die Hermes House Band aus den Niederlanden, die mit ihren Coversongs den Kirmesrock in den Fußballstadien verankerte, seitdem sie im Sommer 1998 mit ihrem Gloria-Gaynor-Cover „I Will Survive“ die WM-Atmosphäre in Frankreich aufpeppte. Selbst in Holland dürfte sie aber am Sonntag niemand gehört haben wollen als Ersatz für „We Are The Champions“. Gunnar Leue

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