WM im Gewichtheben : Wenn Eisen fliegen lernt

Gibt es im Sport intensivere Momente als im Gewichtheben? Eine Hommage zum Beginn der Weltmeisterschaft in Houston.

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Nur Atlas hatte eine schwere Last zu stemmen. Die Superschwergewichtler wie Jaber Saeed Salem (hier bei Olympia 2000 in Sydney, wo er Vierter wurde) wuchten manchmal das Doppelte ihres Körpergewichts in die Höhe. Foto: Imago/Bergmann
Nur Atlas hatte eine schwere Last zu stemmen. Die Superschwergewichtler wie Jaber Saeed Salem (hier bei Olympia 2000 in Sydney, wo...Foto: Imago/Bergmann

Stille. Der Athlet guckt über Zuschauer und Fans in die Ferne. Eben hat er seine Hände mit weißem Magnesiumcarbonat eingerieben. Jetzt tasten sie an der Langhantel nach dem optimalen Griff. Der Abstand zwischen den Händen muss stimmen, es muss sich gut und richtig anfühlen. Die Stille wird erwartungsvoll. Noch mal Luftholen, Luft in die Lungen pumpen, konzentrieren. Die Zeit läuft. Er hat 60 Sekunden für einen Versuch. Jetzt: In einer fließenden, harmonischen, aber nicht leicht aussehenden Bewegung steigt die Hantel vor dem Körper des Athleten hoch und höher, geführt von eisenharten Händen, sodass der Heber sich unter das Eisen stellen, das Gewicht über den Kopf stemmen und mit durchgedrückten Armen zur Hochstrecke bringen kann. 190 Kilo schwer war die Hantel, die der Kasache Ilja Iljin 2014 zum Weltrekord gewuchtet hat, zwanzig Kilo wiegt im Wettkampf der Männer allein die Stahlstange. Der Athlet steht fest. Ein Tonsignal sagt: Okay. Erfolgreicher Versuch. Die Hantel poltert auf den Bühnenboden, springt noch mal hoch. Jedes Mal wundert man sich, dass sie den Boden nicht zerstört.

An diesem Wochenende bringen Frauen und Männer die Stahlstange mit dem Sortiment verschiedenfarbiger Scheiben an ihren beiden Enden wieder zum Fliegen. In Houston, Texas, hat die Weltmeisterschaft der Gewichtheber begonnen. Weltmeister Iljin ist für Houston nicht gemeldet. Karrieren sind oft kurz in diesem Sport – das gehört zu seinen Seltsamkeiten. Das deutsche Team tritt in Houston mit zwei Frauen und acht Männern an. Ihre Namen kennt kaum jemand außerhalb der Fangemeinde. Matthias Steiner, deutscher Olympiasieger in Peking 2008 und seither von einer gewissen Prominenz, wird wohl eine Ausnahme bleiben. En masse flogen ihm die Sympathien zu, mit holzfällerhaft-bodenständigem Charme hat er sie aufgenommen. Mal sehen, wohin das führt. Mit neuer Seitenscheitelfrisur und angeblich 45 Kilo weniger auf den Rippen hat Steiner, der eine Veranstaltungsagentur betreibt, im Oktober ein Buch vorgestellt. Darin geht es um Sport, Diät und den Wandel „vom Schwergewicht zum Wohlfühl-Ich“.

Eigentlich erstaunlich, dass dieser so schlicht erscheinende Sport so wenig Fans, so wenig Breitenwirkung hat. Stärke ist doch immer noch etwas, das viele Jungs und manche Mädchen reizvoll finden. Und die Deutschen sind gar nicht schlecht im Gewichtheben. In der Klasse der Kolosse, der Männer mit mehr als 105 Kilogramm Körpergewicht, will der aus Speyer kommende Almir Velagic auf die Bühne in Houston. Und bei vergangenen Olympischen Spielen gab es vor Matthias Steiner einen Ronny Weller, es gab einen Manfred Nerlinger, es gab (noch zu DDR-Zeiten) einen Jürgen Heuser, einen Gerd Bonk und einen Rudolf Mang.

Lauter Namen, die nur noch wenige kennen. Lauter Einzelkämpfer in einem Land, das Mannschaftssportarten liebt. Allerdings sieht man die Spannung in diesem einsamen Akt des Eisenhebens auch nicht auf den ersten Blick. Man braucht mehr als große Kraft, um die Hantel zu bewegen, zu beschleunigen, gegen die Schwerkraft in die Höhe zu powern. Die Herren Superschwergewichtler schaffen es immerhin, mehr als das Doppelte ihres Körpergewichts in diese Position zu bringen, die an den Titanen Atlas erinnert, den Mann, der das Himmelsgewölbe trägt.

In ihrem Blick sind die Qualen zu sehen, die sie ihrem Körper zumuten

Atlas wurde von Zeus zu dieser Aufgabe verdammt. Er sah, allen Darstellungen zufolge, immerhin gut aus beim Halten des Himmels. Die meisten Gewichtheber lassen im Moment der größten Anstrengung durchaus die Qual erkennen, die sie empfinden und ihrem Körper zumuten. Gewichtheben ist ein Sport, bei dem es etwas zu sehen gibt. Keiner sah stets so bekümmert aus, wenn er auf die Bühne ging, wie der polnische Gewichtheber Pawel Najdek mit seinen 140 Kilo im hautengen rot-weißen Trikot. In Najdeks immer ein bisschen traurigem Ausdruck konnte man die Gründe für bandagierte Knie, die bandagierten Ellenbogen, die umwickelten Handgelenke ahnen, sogar für die verpflasterten Finger: So fest kann ein Griff um die Stahlstange mit ihrer Rändelung gar nicht sein, dass nicht hier und da das Metall die Haut zerreißt. Und als Matthias Steiner 2012 mitsamt der mit 196 Kilo beladenen Hantel stürzte, sah man, dass dieser Sport zerstörerische Kräfte freisetzen kann.

Die wenigsten Eisenheber gehören zu den gut aussehenden Sportlern. Wassili Alexejew, der haarige Russe, der 1972 in München Gold holte, wirkte mit seinem schweren Bauch wie ein Sumoringer. Der Kopf des Iraners Hossein Rezazadeh, Goldmedaillengewinner 2000 und 2004, schien ohne Hals direkt auf den massigen Schultern zu sitzen, Rezazadeh brachte im Wettkampf gut 150 Kilo auf die Bühne. Viele der Superschwergewichtler werden im Einzelnen nicht sagen können oder wollen, woher ihre Muskelmassen kommen. Erstaunlich viele von ihnen werden als kleine Jungs in einen großen Topf mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol gefallen sein. Die Dopingproblematik in diesem Sport war über viele Jahre eins seiner Markenzeichen, und mancher Superschwergewichtler wird froh gewesen sein, dass sein Athletentrikot bis über die Oberarme reichte, sodass man nur im Stiernacken die Dopingaknepickel blühen sah.

Wozu das alles? Weil Kraft fasziniert. Weil das Beschleunigen der Hantel zum Höhenflug eine Anstrengung darstellt, die für ein paar Sekunden an erkennbarer Intensität nicht zu übertreffen ist. Weil die Pose des Athleten, der das Gewicht mit gestreckten Armen über dem Kopf halten und dabei selbst zum Stehen kommen muss, besagt: Ich habe es geschafft! Jetzt! Hier! Dieses eine Mal! Ich habe das Eisen besiegt! Und die Schwerkraft obendrein!

Nur dafür sind sie alle an die Eisen gegangen, für ein wunderbares Miteinander von Sinn und Sinnlosigkeit. Ruhm? Nur in der Liste der Olympia- und Meisterschaftssieger. Lohn, über den Ruhm hinaus? Bestenfalls ein Amt als Trainer der Nationalmannschaft oder Präsident eines Verbands. Das Materielle? Hoffen wir für Matthias Steiner, dass er mit seiner Veranstaltungsagentur Erfolg hat.

Der Normalfall dürfte ein anderer sein. Man kann ihn in der Geschichte von Jani Marchokov, einem Bulgaren, erkennen. 125 Kilo Gewicht reichten dieser Neuausgabe des Herkules, um 210 Kilo zu reißen und 255 Kilo zu stoßen. 125 Gewichtheber-Kilo unter einem an die alten Zirkusathleten erinnernden Trikot bedeuten, dass man sieht, was da arbeitet. Er sah schon gut aus, dieser Jani, mal abgesehen von dem auf seine rechte Schulter tätowierten Pitbull. Ein Oberkörper, breit und tief wie ein Fass, Schultern wie die Stahlkabel, die die Golden Gate Bridge halten, Schenkel wie Säulen. Dass Jani Marchokovs Sport der Sport der Duldsamen ist, zeigt sein Name, unter dem er Wettkämpfe bestritt. Für eine Million Dollar hatte das Olympische Komitee von Katar im Jahr 2000 die komplette bulgarische Gewichtheberelite gekauft, damit die Bulgaren als Katarer antraten, und so wurde aus Yani Marchokov der Gewichtheber Jaber Saeed Salem.

Im Jahr 2003 ging er bei der Weltmeisterschaft in Vancouver auf die Bühne, packte eine 210 Kilo schwere Hantel, zog sie, wie es das Reglement erfordert, auf 160, 170 Zentimeter Höhe, ging im Ausfallschritt darunter und schob sie über seinen Kopf: Weltrekord im Reißen. Ein wunderbarer Auftritt, Gewichtheben in seiner Idealform. Zuletzt stand Jani Marchokov im Jahr 2007 auf der Bühne. Wer weiß, was aus ihm geworden ist.

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