• WM im Para-Bogenschießen: Ein Bogen-Krimi auf höchstem Niveau - deutsches Trio gewinnt WM-Silber

WM im Para-Bogenschießen : Ein Bogen-Krimi auf höchstem Niveau - deutsches Trio gewinnt WM-Silber

Das deutsche Damen-Trio hat bei der Heim-WM im Bogenschießen in Donaueschingen Silber gewonnen und in einem packenden Finale gegen Russland die Fans begeistert. Nur einen der begehrten Quotenplätze für die Paralympics in Rio konnten sich die Weltrekordlerinnen Lucia Kupczyk, Vanessa Bui und Karina Granitza nicht erkämpfen.

Nicolas Feisst
Para-Bogenschießen, hier bei den Paralympics 2012 in London.
Para-Bogenschießen, hier bei den Paralympics 2012 in London.Foto: dpa

Eigentlich ist das Finale der Weltmeisterschaft im Para-Bogenschießen bereits entschieden: Der Stadionsprecher verkündet das russische Damen-Trio als Siegerinnen, den deutschen Weltrekordlerinnen mit dem Compound-Bogen bleibt mit 223 zu 224 Ringen denkbar knapp nur Silber. Doch dann brandet im Fürstlichen Reitstadion im badischen Donaueschingen plötzlich lauter Jubel auf: Beim genaueren Betrachten wertet der Kampfrichter einen russischen Pfeil, den der Stadionsprecher in der Mitte der Scheibe gesehen hatte, um einen Ring ab. Gleichstand! Lucia Kupczyk, Vanessa Bui und Karina Granitza bekommen noch eine Chance im Stechen, den Weltmeistertitel bei der Heim-WM klarzumachen. Es ist das passende Ende für einen Krimi, der an Spannung kaum zu überbieten ist.

Zur Hälfte des ersten „Ends“ liegen nämlich beide Teams gleichauf, dann setzen sich die Russinnen mit zwei Ringen ab. Das gleiche wiederholt sich im zweiten „End“, nach dem dritten steht es dann 167 zu 167. Es ist ein Duell auf höchstem Niveau. Von 240 möglichen Ringen erzielen beide Teams nach je acht Schüssen pro Athletin 223, nur vier unter dem Weltrekord von 227, den die Deutschen wenige Wochen zuvor aufgestellt hatten. „Selbst die Kampfrichter sagten: Das ist weltklasse. Und zwar nicht weltklasse auf Behindertensportniveau, sondern auch weltklasse bei den Nichtbehinderten“, verrät der deutsche Teammanager Matthias Meudt, der an den Scheiben dabei ist, als der russische Pfeil abgewertet wird.

Spannung im Stechen

Durch das Unentschieden bekommen die drei deutschen Bogenschützinnen je einen weiteren Schuss, auch wenn sie ihre Utensilien bereits zusammensammeln: „Ich bin mit solchen Verkündungen immer vorsichtig“, sagt die 29-jährige Granitza: „Aber ich habe mich auch schon in den Rollstuhl umgesetzt, weil ich dachte: Wenn der das sagt, dass die Weltmeisterinnen sind, wird das schon stimmen.“

Das Stechen eröffnen die Russinnen mit acht Ringen, Lucia Kupczyk zieht gleich, dann wird wieder eine Zehn vorgelegt, die höchste zu erreichende Punktzahl. Doch Vanessa Bui, mit 22 Jahren die jüngste Deutsche und glänzend aufgelegt, kontert, trifft ebenfalls die Mitte der Scheibe und ist erleichtert: „Zum Glück geht das nach einem solchen Erlebnis nicht so schnell, dass Spannung und Konzentration nachlassen.“

"Was will man mehr?"

Der letzte Pfeil muss die Weltmeisterschaft entscheiden - und die Russinnen legen eine weitere Zehn vor. Karina Granitza braucht den perfekten Schuss - wie beim letzten Aufeinandertreffen mit den Dauerrivalinnen aus Russland: Bei der EM 2014 hatte sie das deutsche Trio mit einer Zehn erst ins Stechen gebracht - und dann mit einer weiteren Zehn im Shootout für den Titel gesorgt. Die Zuschauer sind angespannt, drücken Daumen, sie hoffen auf die Zehn, darauf, dass der Pfeil in der Mitte der Scheibe einschlägt. Doch dieses Mal spannt Granitza den Bogen, lässt den Pfeil los - und schüttelt kurz darauf den Kopf: Der Pfeil bleibt im roten und nicht wie erhofft im gelben Bereich stecken: Eine Acht. Jetzt dürfen die Russinnen endgültig jubeln, durch das 28:26 im Stechen werden sie zum dritten Mal nacheinander Weltmeisterinnen. Den Stadionsprecher hat das hochklassige und emotionale Duell auch mitgenommen, er fragt: „Have you ever seen so much drama?“

„Das wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir den Tag verarbeitet haben“, ist sich Bui sicher - und erntet dafür ein zustimmendes Nicken von Kupczyk: „Mit den Russinnen ist es immer auf Augenhöhe, letztes Mal hatten wir das bessere Ende, dieses Mal halt sie.“ Als sie den Platz verlassen, hagelt es Glückwünsche von allen Seiten für Platz zwei. „Zum ersten Mal in der Formation bei einer WM und gleich Silber: Was will man mehr?“, ist Granitza trotz der knappen Niederlage glücklich.

Prall gefüllte Tribüne

Immer dabei am Finaltag: Das Heim-Publikum, das die Sportlerinnen nach jedem Schuss anfeuert und lautstark bejubelt. Die Tribüne ist prall gefüllt - ein Novum für die Para-Sportlerinnen. Alle drei sind sich einig, dass sie das zusätzlich motiviert und nicht in der Konzentration hindert. „Das pusht“, sagt Bui und Kupczyk findet es „einfach nur schön“, auch bei der Siegerehrung wird es laut, als die Silbermedaillengewinnerinnen ins Stadion kommen.

„Eine bessere Werbung für den Bogensport kann es nicht geben. Es war natürlich auch super, wie das Publikum mitgegangen ist“, schwärmt Teammanager Meudt, und fügt hinzu: „Als ich vor Jahren als Teammanager angefangen habe, war das Bogenschießen der Menschen mit Behinderung 50 oder 60 Ringe von den Nichtbehinderten entfernt, jetzt sind es vielleicht noch fünf oder sechs Ringe zur breiten Spitze. Deshalb wäre es auch mal an der Zeit, dass die Mädels bei den Nichtbehinderten ihr Können unter Beweis stellen dürfen.“

Großes Ziel Rio noch weit entfernt

Zunächst steht für das deutsche Trio aber erst einmal die Winterpause an - „und die Vorbereitung auf die neue Saison, weil im April ja schon wieder eine EM ist“, fügt Vanessa Bui hinzu. „Bis dahin schließe ich das da“, sagt Granitza und zeigt auf ihren Bogen und die Pfeile, „aber erst mal für vier Wochen weg, sodass ich es nicht sehe.“

Denn so packend und erfolgreich die Heim-WM für die deutschen Compound-Damen auch war - ihrem großen Ziel, den Paralympics im nächsten Jahr in Rio, sind sie nicht näher gekommen. Einen Quotenplatz im Einzel konnten sie sich nicht erkämpfen - und der Teamwettbewerb ist zum Ärger aller Beteiligten nicht paralympisch. Noch ist es also völlig offen, ob Kupczyk, Granitza oder Bui nach Rio fliegen. Die nächsten Qualifikationsmöglichkeiten gibt es erst bei der Europameisterschaft im April und bei einem Weltranglistenturnier im Juni.

Bis dahin können die drei deutschen Bogenschützinnen die Eindrücke von der Heim-WM und dem begeisternden Publikum verarbeiten - und dann auf die Revanche gegen die Russinnen bei der EM hinarbeiten.

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