WM in Ruhpolding : Biathlon à la Bavaria

Bei der Biahtlon-Weltmeisterschaft in Ruhpolding trifft Brauchtum auf Sport. Am Rand der Strecke gibt es jede Menge Aktionen und Rabatz. Doch für die Athleten hat der Trubel nicht nur Positives.

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Bunte Mischung. In der Chiemgau Arena tummelten sich an den ersten beiden Wettkampftagen insgesamt 56 000 Zuschauer.
Bunte Mischung. In der Chiemgau Arena tummelten sich an den ersten beiden Wettkampftagen insgesamt 56 000 Zuschauer.Foto: dapd

Am Dienstag ist die Schoadhaufennog an der Reihe. So nennt sich der Anstieg auf der Ruhpoldinger WM-Strecke im Ortsjargon. Ins Hochdeutsche übersetzt bedeutet es Holzspänhaufenweide. Über Besonderheiten wie diese werden die Zuschauer in der Chiemgau Arena bei der Biathlon-WM per kurzem Einspielfilmchen unterrichtet. Beim Einzelrennen der Männer (15 Uhr, live in der ARD) erfahren die Zugereisten nun also mehr über die Schoadhaufennog. Und nach der WM werden sie auch wissen, dass ein „Ziachschlien“ ein Ziehweg für Waldarbeiter mit schweren Holzschlitten ist und beim „Awaschnoiza“ der Winter mit Peitschenhieben vertrieben wird.

Aber auch abseits der WM-Arena lassen die Ruhpoldinger keine Gelegenheit aus, um den zahlreichen Besuchern bei den vierten Titelkämpfen in ihrem Städtchen das lokale Brauchtum zu zelebrieren. 56 000 Zuschauer haben an den bisherigen zwei Wettkampftagen miterlebt, wie im Schatten des Zirmbergs auf Teufel komm raus geschuhplattlert wird. Dazu werden Baumstämme zersägt, dass die Späne fliegen – und die Protagonisten mit Ski und Gewehr garnieren das Ganze mit den gewünschten Kommentaren.

So preist der Wahl-Ruhpoldinger Michael Greis die Stimmung im Stadion als „besser als bei Olympia“ an. Die überzeugte Oberbayerin Magdalena Neuner beteuert, sie sei „noch nie vor so einem tollen Publikum gelaufen“. Und selbst Uwe Müßiggang, der stets besonnene Bundestrainer, gerät für seine Verhältnisse geradezu aus dem Häuschen. „Nach dem, was wir vorher schon mit Fans und Medien erlebt haben, konnte man es ja erahnen“, sagt der Mann aus dem Erzgebirge. „Aber jetzt ist es wirklich das ganz große Erlebnis geworden, auch etwas ganz anderes als ein Weltcup hier.“

Völlig anders als in den ersten frühlingshaften WM-Tagen war am gestrigen Ruhetag auch das Ruhpoldinger Wetter. Schnee, Regen und Nebel bestimmten die Szenerie, viele Biathleten zogen aus gesundheitlichen Erwägungen Indoor-Training dem Freilufttraining vor. Und denen, die sich hinauswagten, schauten nur ein paar ganz verwegene und unersättliche Fans bei ihren Stockschüben im weichen Schnee zu. Allgemeines Luftholen vor dem zweiten Teil des Biathlon-Spektakels, von dem viele meinen, dass es für längere Zeit unerreicht bleiben wird.

Licht und Schatten dieses Trubels, den das Ruhpoldinger Publikum allerdings mit seinem gewöhnungsbedürftigen Blitz-Abmarsch unmittelbar nach den Renn-Entscheidungen konterkariert, bekommen die deutschen Biathleten naturgemäß am heftigsten zu spüren. Selbst die WM-Polizisten in ihren grellen Warnwesten schießen rund um die Anlage eifrig Erinnerungsfotos, so dass Arnd Peiffer schon voller Wehmut an die letzten Titelkämpfe im sibirischen Chanty-Mansiysk zurückdenkt. „Dort hatten wir überhaupt keinen Stress, hier dagegen werden wir manchmal bis zehn Uhr abends hin und her geschoben“, sagt der Sprint-Weltmeister von 2011. Peiffer ist in gewisser Weise Betroffener jener WM-Botschaft, die der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil bei einer Veranstaltung in Ruhpolding jüngst in die Welt trug. „Bavaria“, trompetete der FDP-Mann da, „is the mecca of biathlon“.

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