WM IN BERLIN : Wer ist die Leichtathletik?

Ihre Persönlichkeit ist gespalten. Griechen und Briten zählen zu ihren Vorfahren. Zierlich kann sie sein, aber auch ein Muskelprotz. Am nächsten Wochenende kommt sie nach Berlin.

Friedhard Teuffel
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Grafik: Gitta Pieper-Meyer

WOHER KOMMT DIE LEICHTATHLETIK?



Eigentlich ist sie so alt wie die Menschheit selbst, weil der Mensch gleich losgelaufen und gesprungen ist, und irgendetwas zum Werfen hat er bestimmt auch schnell gefunden. Die ersten Gegner? Tiere, um auf der Jagd so lange hinter ihnen herzurennen, bis sie vor Erschöpfung umfielen, oder um vor ihnen auszureißen. Später kam bei der Jagd der Speer dazu, der hat es bis ins olympische Programm geschafft.

Die Ziele der ersten Wettkämpfe waren bedeutend bis heilig: In Ägypten soll der adlige Nachwuchs beim Wettlauf die Thronfolge unter sich ausgemacht haben. Manche sportlichen Vergleiche fanden auch zu Ehren von Verstorbenen statt, oder von Göttern. Die Heimat der großen Leichtathletik-Wettbewerbe ist jedoch Griechenland. Die Griechen haben die Leichtathletik auch sprachlich begründet mit ihren Wörtern Athlon für Wettkampf und Athletes für Wettkämpfer. Und es war ein Grieche, der als einer der Ersten einen Wettlauf literarisch beschrieb, Homer in der „Ilias“. Odysseus siegt dabei souverän, er hatte dafür die Göttin Athene um Hilfe angefleht. „Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß und die Arme von oben“, heißt es, und nicht nur das: Sie lässt seinen Verfolger Aias auf einem Kuhfladen ausrutschen.

Die ersten Olympischen Spiele veranstalteten die Griechen im achten Jahrhundert vor Christus, allerdings nicht als lustige Spielchen. „Der Sport in der Antike ist ein Nebenprodukt der militärischen Ausbildung, der griechische Athlet war immer auch ein Krieger“, sagt Manfred Lämmer, Professor für Sportgeschichte an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Das olympische Programm sah noch übersichtlich aus: Leichtathletik, Kampfsport, Pferde- und Wagenrennen. Die Leichtathletik unterteilte sich in drei Läufe. Zum einen den Stadionlauf. „Der betrug 600 Fuß, aber weil der Fuß lokal unterschiedlich gemessen wurde, war der Lauf zwischen 168 und 210 Meter lang“, sagt Lämmer. Ein zweiter Lauf ging über etwa 400 Meter, der Langlauf über 3800. Auch ein Fünfkampf wurde angeboten, der Pentathlon, ermittelt wurde der Gesamtsieger aus Weitsprung, Diskus- und Speerwurf, Laufen und Ringen.

Als sich die Athleten immer mehr auf die Wettbewerbe konzentrierten, also Profis wurden, lästerte der Dramatiker Euripides über ihre Sucht nach Sieg und Ruhm. Die Motivation war Geld und Ehre, nur dabei zu sein, galt nichts. „Die Schande begann mit dem zweiten Platz“, sagt Lämmer. Als Vize-Europameister wäre man wohl ausgelacht worden.

WIE SIND DIE DISZIPLINEN ENTSTANDEN?

Die Leichtathletik besitzt eine gespaltene Persönlichkeit. Immer mehr Disziplinen hat sie mit der Zeit aufgenommen, inzwischen gehören 47 zum Programm von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, die jüngste davon, der 3000-Meter-Hindernislauf der Frauen, wurde erst 2008 in Peking olympisch.

Bedient hat sich die Leichtathletik aus zwei Quellen, den Olympischen Spielen der Antike und der Sportbewegung in Großbritannien im 19. Jahrhundert. Kugelstoßen und Hammerwerfen zum Beispiel stammen aus den schottischen Highland-Games. Hürdenläufe fanden erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts in Oxford statt. Die Idee dahinter: Was Pferde können, das können auch Menschen.

Bei den ersten Olympischen Spiele der Neuzeit, 1896 in Athen, startete die Leichtathletik mit zwölf Disziplinen – und nur mit Männern. Frauen dürfen in der Leichtathletik erst seit den Spielen in Amsterdam 1928 mitmachen. Überhaupt hat sich die Leichtathletik für Frauen lange als zu anstrengend empfunden. 42,195 Kilometer beim Marathon laufen? Zu lang für Frauen. Bis zu Olympia 1980 in Moskau durften die Frauen nicht länger als 1500 Meter laufen, erst seit den Spielen von Los Angeles 1984 starten sie auch bei einem olympischen Marathon.

Mittlerweile sind Frauen gleichberechtigt – fast. 50 Kilometer Gehen legen sie nicht zurück, der Sprint über die Hürden umfasst 100 statt 110 Meter, und statt eines Zehnkampfs absolvieren die Frauen einen Siebenkampf. Außerdem sind ihre Wurfgeräte leichter.

WAS MACHT IHREN REIZ AUS?

Schön anzuschauen ist die Leichtathletik, etwa, wenn Diskuswerferinnen und Diskuswerfer mit aller Kraft die Scheibe aus dem Ring schleudern und sie über die Wiese segeln lassen. Oder Hochspringerinnen und Hochspringer mit filigraner Technik über die Latte fliegen, höher als ein Türrahmen, und dabei die Schwerkraft zu besiegen scheinen. Spannend ist sie, mal knistert es schon vor dem Startschuss wie beim 100-Meter-Rennen oder die Spannung baut sich auf einer längeren Strecke langsam auf, um sich dann in einem fulminanten Endspurt zu entladen.

Wenn es um das Bewerten der Leistung geht, wird die Leichtathletik dann auf einmal ganz sachlich, sie misst und vergleicht alles und trägt jedes Ergebnis in lange Listen ein.

Einer der größten Athleten der Geschichte, der Tscheche Emil Zatopek, sagte auf die Frage, warum er denn laufe: „Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.“ Weil es so einfach ist, kann die Leichtathletik überall auf der Welt betrieben werden. Zur WM in Berlin werden daher Athleten aus 210 Ländern erwartet, und bei den vergangenen Weltmeisterschaften 2007 in Osaka kamen die Titelträger aus allen fünf Kontinenten.

Die Globalisierung der Leichtathletik liegt am geringen finanziellen und technischen Aufwand und an ihren ganz unterschiedlichen Anforderungen. Je nach Disziplin verlangt sie mal mehr Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer oder Technik. So bewegen sich durchs Stadion kleine, zierliche Athleten genauso wie schwerstgewichtige Muskelprotze.

WELCHE ENTWICKLUNG HAT SIE IN DEN VERGANGENEN JAHREN GENOMMEN?

Weltmeisterschaften hat sie eingeführt, vor noch gar nicht langer Zeit,1983 in Helsinki fanden die ersten statt, zunächst alle vier Jahre, seit 1993 alle zwei. Denn sie muss sich behaupten im Wettbewerb mit anderen Sportarten um Übertragungszeiten im Fernsehen und Geld der Sponsoren. Allerdings hat sie Rückschläge erlitten. In Deutschland musste sie viele ihrer Austragungsorte dem Fußball überlassen. Wenn Stadien neu gebaut werden, oder umgebaut, dann meist ohne Laufbahn. In Deutschland gibt es nur noch drei Stadien, in denen eine internationale Meisterschaft ausgetragen werden könnte: die Olympiastadien in Berlin und München und das Stadion in Nürnberg.

Aber sie hat sich auch selbst zurückgeworfen – durch Doping. Einige der spektakulärsten Dopingfälle kommen aus der Leichtathletik, der des kanadischen Sprinters Ben Johnson 1988 in Seoul oder der Fall um das Balco-Labor 2003, in dem ein Steroid eigens für den Sport verändert wurde, damit Athleten nicht bei der Dopingkontrolle auffallen. So sollten Weltrekorde gezüchtet werden.

Manche Athleten haben Doping sogar mit dem Leben bezahlt, die Siebenkämpferin Birgit Dressel oder die amerikanische Sprinterin Florence Griffith-Joyner. Seitdem so viel Doping aufgeflogen ist, verfolgt ein böser Schatten die Leichtathletik. Beinahe jede Höchstleistung wird angezweifelt. Gewissheit, ob etwa der Sprint-Weltrekordhalter Usain Bolt nicht auch gedopt war, gibt es trotz unzähliger negativer Testergebnisse nicht.

Und dann hat sich ein Teil der Leichtathletik noch selbstständig gemacht, er läuft sozusagen nebenher. Es ist die Laufbewegung. Sie setzt nicht nur auf Spitzenleistungen, sondern auf Wohlbefinden und Geselligkeit. So entstand ein Widerspruch: Es gibt immer mehr Straßenläufe, jede Großstadt, die etwas auf sich hält, veranstaltet einen Marathon – doch die Durchschnittsläufer werden immer langsamer. In Deutschland joggen Millionen. Sich Leichtathleten zu nennen, würde ihnen wahrscheinlich nicht einfallen.

VOR WELCHEN HERAUSFORDERUNGEN STEHT SIE HEUTE?

Die Leichtathletik hat sich lange gut gehalten. Olympische Kernsportart zu sein, schien ihr als Lebensversicherung zu reichen. Inzwischen wirkt sie jedoch aufgedunsen, schwer und unbeweglich. „Die Disziplinen der Leichtathletik sind die Sportarten des 19. Jahrhunderts. Sie sind konserviert, obwohl sie längst nicht mehr das Lebensgefühl unserer Zeit wiedergeben“, sagt Manfred Lämmer. Die neuen Sportarten vermitteln ein anderes Gefühl, der Spaß zählt, das Erlebnis. Training, das ständige Verbessern der eigenen Leistung ist nicht mehr so wichtig.

Der Brite Sebastian Coe, zweifacher Olympiasieger im 1500-Meter-Lauf und Organisator der Olympischen Spiele 2012 in London, erklärt: „Ich kann nicht zu meinen Söhnen sagen: Lasst uns in den Park gehen und Stabhochsprung machen.“ Der Leichtathletik fehlt das Verspielte und Gruppendynamische anderer Sportarten. Im Schulsport, früher die Aufzuchtstation der Leichtathletik, muss sie nun um Beachtung kämpfen. Und an der Spitze, bei den großen Wettkämpfen im Stadion, sucht sie nach Zuschauern.

Sie muss sich also hübsch machen, möglicherweise abnehmen, sich von Disziplinen trennen. Doch Traditionalisten streiten mit Modernisierern um den richtigen Weg; ob die Leichtathletik noch die Leichtathletik wäre, wenn Kugelstoßen oder Hammerwerfen ausgeschlossen würden.

Jetzt kommt die Leichtathletik nach Berlin, mit allem, was sie hat, sie will sich von ihrer besten Seite zeigen – vielleicht gelingt ihr das als Altersschönheit.

WETTKÄMPFE

Vom 15. bis zum 23. August werden die Wettbewerbe im Berliner Olympiastadion ausgetragen, das mit seiner blauen Bahn einen besonderen Untergrund für die Leichtathletik bietet. Die Marathonläufe und Geherwettbewerbe finden dagegen zum ersten Mal ganz außerhalb des Stadions statt, mit Start und Ziel am Brandenburger Tor.

ATHLETEN

1800 Sportler aus 210 Ländern sollen nach Berlin kommen. Für die deutsche Mannschaft sind 92 Athleten nominiert worden.

KARTEN

Bislang sind 300 000 der 560 000 Tickets verkauft.

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