WM Nebenbeschäftigung : Ich tippe, also bin ich – für ...

Tippspiele sind nichts für mich. Da gewinnen eh immer die, die keine Ahnung haben – ohne mich! Beschließe ich vor der WM. Dann aber, kurz vor dem ersten Anpfiff, erlebe ich meine Kollegen im Ausnahmezustand: Leute aus allen Abteilungen stürmen das Büro, um sich anzumelden. Es herrscht Gruppendruck. Also gut, sage ich.

Das Eröffnungsspiel verfolge ich noch relativ unbeteiligt. Als der Schiedsrichter abpfeift, freue ich mich trotzdem. 1:1 – genau das habe ich getippt. Am Abend spielt Frankreich gegen Uruguay. Das kann nichts werden, denke ich und setze auf 0:0. Das Spiel beginnt, und damit sofort die Langeweile. Früher hätte ich mich darüber geärgert, doch nach einer halben Stunde bemerke ich, wie mich innerlich jeder Fehlschuss freut. Ich werde zum Fan der Torhüter – ob Franzose oder Uruguayer, egal! Hauptsache kein Tor! Dann ist Schluss, ein schönes 0:0.

In den nächsten Tagen nimmt der Wahnsinn Fahrt auf, ich tippe viele Spiele richtig. Die Sache wird unheimlich. Zum ersten Deutschland-Spiel habe ich Freunde eingeladen. Die Stimmung ist riesig, nach Müllers 3:0 wird mein Wohnzimmer zum Fanmeilchen. Alle liegen sich in den Armen. Nur ich ärgere mich. Verdammt, ich hatte 2:0 getippt!

Etwas ändert sich in mir, etwas Tiefgreifendes: mein Fansein. Meine Zuneigung gilt nur noch den Teams, auf die ich gesetzt habe. Bei Unentschieden juble ich für beide. Als ich mich zuerst über Paraguays Tor freue und später bei Italiens Ausgleichstreffer wild jubelnd über das Parkett unserer Wohnung rutsche, schüttelt meine Freundin entnervt den Kopf: „Jetzt versteh ich gar nichts mehr!“ Ich auch nicht!

Dann Deutschland: Wir geraten gegen Serbien in Rückstand, überall Schweigen. Nur ich freue mich. Innerlich. Als ich meine absurden Gefühle bemerke, beruhige ich mich selbst: 1:1 war meine Prognose – und wenn Serbien erst mal vorne ist, kann ich mich umso mehr über ein deutsches Tor freuen. Dann ein Pfiff. Poldi tritt an. Gehalten. Ich bin untröstlich. Weil ich ahne, dass wir verlieren? Oder weil mein Tipp nun nichts mehr wird? Ich weiß nicht.

So kann es mit mir nicht weitergehen! Gegen Ghana muss ich 3:0 setzen, sonst dreh ich noch durch. Sebastian Stier

Der Autor führt das

Tagesspiegel-Tippspiel an. Noch.

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