WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Pressekonferenzen sind ohnehin ein seltsames Schauspiel. Wenn aber Franz Beckenbauer zur deutschen Journalistengefolgschaft spricht, noch dazu im „Velmore Grande“, dem bizarren WM-Quartier des DFB-Teams im Niemandsland westlich von Pretoria, bekommt die Veranstaltung fast absurde Züge. Wie er da firlefranziert, dank des Fußballs würden die Schwarzen jetzt nicht mehr so viel schießen. „Außer mit dem Ball aufs Tor“, lacht der Kaiser, alle lachen mit, und die Notizblöcke rascheln.

Im Publikum stehen zwei Schüler und verfolgen das Treiben. Bei Fragen gehen sie folgsam hinüber zu dem Redakteur und übergeben ihm das Mikrofon. Thabang Kwakwa und Gontse Madumo gehen auf die High School im nahe gelegenen Centurion. Sie sind die Klassenbesten im Fach Deutsch. Nach Franz Beckenbauer gefragt, sagt die 17-jährige Thabang etwas ratlos: „Er ist eine Legende, mehr weiß ich nicht über ihn.“ Mit der deutschen Mannschaft oder Trainer Joachim Löw, der bei dieser Pressekonferenz neben dem Kaiser sitzt, haben die beiden keinen Kontakt. Die Kicker bleiben drüben im Haupthaus unter sich. Die Schüler kommen alle zwei Tage hierher ins Hotel, reichen den anwesenden Journalisten das Mikrofon, räumen hinterher die leeren Bitburger-Flaschen weg und fahren dann zurück in die Steinhäuser, in denen ihre Eltern leben.

Als Dankeschön für ihre Hilfe bekommen die beiden Volunteers einen blauen Trainingsanzug vom Sportartikler aus Herzogenaurach – einen mit dem Bundesadler auf der Brust. Ursprünglich hieß es, es gebe auch ein bisschen Geld für den Job, aber Thabang ist sich da inzwischen nicht mehr so sicher. „Den Zug zwischen Pretoria und Johannesburg hätte es ja auch bis zur WM geben sollen“, sagt sie.

Der 16-jährige Gontse Madumo spielt in der Schulmannschaft. Im Mittelfeld. Eigentlich hat er sich am meisten auf Michael Ballack gefreut, aber der ist ja nun nicht dabei. Podolski und Klose findet er aber auch ganz okay. Doch natürlich hält er den Bafana Bafana die Daumen. Die Volunteers freuen sich über das Zusammengehörigkeitsempfinden, das im Land vor der WM geschürt wurde. Schon 1995 wurde Südafrika zu Hause Weltmeister, im Rugby, unterstützt von Präsident Nelson Mandela und dem ganzen Land. Der Triumph wurde zum Identitätsstifter der neuen Nation. Seither hat sich vieles bewegt. Doch Thabang sagt: „Es sind nur 30 Prozent der Wünsche, die Mandela für Südafrika formuliert hat, bislang umgesetzt. Es sind immer noch so viele Menschen ohne Arbeit.“ Und ihr Schulkamerad Gontse fügt hinzu: „Die meisten Schüler kommen gut miteinander aus, aber natürlich gibt es Rassismus. Vor allem auch zwischen Schwarzen und Schwarzen.“

Deshalb muss die WM ein Erfolg werden. Und auch wenn die beiden Musterschüler eigentlich die Bafana Bafana unterstützen, so haben sie doch die Hoffnung, dass die Deutschen weit kommen. Ihr Job hängt vom Weiterkommen ab. Und wenn nicht? Thabang Kwakwa lächelt: „Dann habe ich wenigstens Beckenbauer mal in der Realität gesehen.“ Tim Jürgens

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