WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

In den Straßenschluchten von Johannesburg geht es meistens nur in eine Richtung. Und manchmal in überhaupt keine mehr. So wie an diesem Morgen. Zwei Polizisten versperren einen Teil der Banket Street im Stadtteil Hillbrow. Autohupen. Wild gestikulierende Fahrer. Oben an der Ecke hört man schon von Weitem die Vuvuzelas der Anwohner aus dem Plattenbau.

Vor einem Eisentor steht ein schwarzer Polizist mit schusssicherer Weste und Stahlhelm, daneben eine düster dreinblickende Schwadron eines privaten Sicherheitsdienstes. Die meisten der Männer haben kahl rasierte Köpfe, einer trägt eine Wollmütze mit der Aufschrift „Bad Boys Hillbrow“, die anderen Poloshirts mit dem Signet „Royal Dutch Security“. Hillbrow ist bekannt für seine hohe Arbeitslosigkeit, für Armut und ausufernde Kriminalität. Nach dem Ende der Apartheid zogen viele Schwarze aus den Townships hierher und fanden in den verlassenen Bürogebäuden und Lagerhäusern eine neue Heimat.

Zwei gepanzerte Polizeifahrzeuge biegen um die Ecke. Das Blaulicht flackert zu der fiebrigen Atmosphäre. Es folgt der Bus der niederländischen Mannschaft. Gemächlich rollt er die Straße herunter. Auf den Seiten prangt die Aufschrift: „Fürchtet nicht die großen Fünf, habt Angst vor den orangefarbenen Elf.“ Momentan aber scheinen eher die Kicker hinter den getönten Scheiben eine allzu große Nähe zum Volk zu fürchten. Emotionslos drückt das Fahrzeug die Schar der Wartenden auseinander. Die Security zerrt sofort nach der Durchfahrt das Eisentor wieder zu. Zwei deutsche Journalisten, ein japanischer und ein iranischer müssen draußen bleiben. Die PR-Chefin des Oranje-Teams sagt schroff: „Der Bolzplatz ist schon voll, für sie ist wirklich kein Platz mehr.“ Das hat man dann eben von den Witzen über das Wohnwagenvolk.

Der Andrang hat seinen Grund. Nicht nur die holländische Elf wirft einen Blick in die Untiefen des Lebens in Südafrikas Brennpunkt, auch Johan Cruyff gibt sich an diesem kühlen Donnerstagvormittag die Ehre. Denn der Platz, auf dem da hinten Medienleute und Sicherheitspersonal die Stars in Empfang nehmen, bekommt heute einen neuen Namen. „Johan Cruyff Court“ wird er fortan heißen. Denn König Johan hat eine Stiftung gegründet, die künftig Jugendliche mit sozialen Fußball-Projekten unterstützen wird. An diesem Tag übergibt die niederländische Mannschaft den Bolzplatz inklusive Umkleidekabine. Das Kunstrasenfeld hat nach Angaben des niederländischen Fußballverbands (KNVB) insgesamt 100 000 Euro gekostet. Johan Cruyff, der Vizeweltmeister von 1974, wird dem Vernehmen nach an diesem Tag deshalb zu Protokoll geben: „Es ist großartig, dass die Spieler die Kosten übernehmen.“

Doch viele von denen, die demnächst auf dem neu eingeweihten Platz dem Ball nachjagen werden, wissen nicht so recht, was sie von dem Umstand halten sollen. Sie warten ratlos vor den Toren. Und wogen sanft im rhythmischen Raunzen ihrer Vuvuzelas.

Tim Jürgens

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