WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Cancún soll es sein, fürs Eröffnungsspiel. Wir rechnen mit gigantischen Tortillabergen und riesigen Eimern voll Tequila, die nach jedem Tor der Mexikaner herumgereicht werden, mit feuriger Euphorie und unbändiger Passion. Doch zunächst Ernüchterung: „Wir konnten keine Route zwischen Berlin und Cancún berechnen“, teilt der Onlinepfadfinder lapidar mit. Nun gut, dann ziehen wir eben auf eigene Faust los, denn der Ort unserer Träume liegt schließlich nur ein paar hundert Meter die Straße hinunter, direkt hinter dem Potsdamer Platz, wir sind doch schon so oft daran vorbeigefahren.

Kurz darauf sind wir da. Cancún! Welch exotischer Name, welch glorreiche Verheißung! Seltsam nur: Vor der Tür zurrt ein stämmiger, südeuropäisch aussehender Mann eine große Deutschlandfahne ans Geländer. Immerhin, auch Grün-weiß-rot flattert schon munter im Wind. Hinein also zu den Horden feierwütiger Latinos, zu den Schönheiten im engen grünen Dress, zu all den Tortillas und Tequilas.

Doch dann nur: Schland. Zwei Stetsons in Schwarz-rot-gold wackeln vor dem Bildschirm auf und ab, eine irgendwie surreale Collage. Davor ein großer Krug Bier, zwei Gläser. Was machen die in Mexiko? Und warum in diesem Aufzug, wo wir doch erst am Sonntag spielen? Fragen kostet ja nichts, und die Antworten kommen prompt. „Ist ein geiles Lokal“, sagt Dominik aus Tempelhof, während sein Kumpel Alex, Wedding, nickt. Sie kämen öfter her, sagen sie, denn „hier lässt sich einfach super feiern“. So eben auch an diesem Nachmittag, weil Cancún ja auch ziemlich genau zwischen Tempelhof und Wedding liegt, direkt an der alten neuen Drehscheibe Berlins.

Aber warum nun dieser Aufzug? „Na, weil jetzt WM ist!“ Vier Jahre hätten sie ja schließlich warten müssen auf diesen Tag. Aber von dem Eröffnungsspiel und der Stimmung sind sie etwas enttäuscht. „Wir haben ein bisschen mehr erwartet“, sagt Dominik, und Alex nickt. Vielleicht ebenfalls Tortillas und Tequila? Stattdessen am Nebentisch nur eine mexikanische Familie, die seicht mitfiebert, an den falschen Stellen klatscht und insgesamt viel zu ruhig ist. Die Kellnerin ist blond und heißt Annika, der Besitzer kommt aus Bangladesch. Zusammen mit den amerikanischen Touristen, den Warsteiner-Gläsern und den glänzenden Tischen wirkt das hier alles auch wie eine Drehscheibe, wie ein steriler Marktplatz der Globalisierung. Als ein weißhaariger Mann mit Khaki-Shorts zur Tür hereinkommt und irritiert zum Bildschirm blinzelt, ruft ihm Dominik zu: „Die Gelben sind Südafrika, und die führen 1:0!“ Stell dir vor, es ist WM und nur einer schaut zu.

Irgendwie passt nichts und doch wieder alles. Die Stimmung ist seltsam melancholisch, das Spiel nicht besonders gut. Draußen, vor den Fenstern, geht alles seinen Gang, und über den Fernseher flimmern Bilder, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Es ist WM, irgendwo jedenfalls. Und hier, wo noch vor anderthalb Jahrzehnten das Niemandsland gähnte, Sand, Minen, Stacheldraht, kilometerweit, hier liegt nun Mexiko. Johannes Ehrmann

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