WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

In der Vuvuzela-Exorzisten-Kirche

Pastor Xaba klopft zum Test auf sein Mikrofon. Er trägt ein weißes Gewand, vor ihm hocken gut 300 Gläubige auf nacktem Beton und murmeln, links von ihm die Männer und Jungs, rechts von ihm die Frauen und Mädchen. In den Raum dringt ein bisschen Tageslicht durch zersprungene Scheiben, drei Glühbirnen baumeln von der Decke, es riecht nach Frittierfett, Zitronenseife und nackten Füßen. Er spricht ein paar Worte auf Xhosa, bevor sein klangvoller Bariton die karge Halle mit Gesang erfüllt – Zeit für das wöchentliche Exorzismus-Ritual.

Nur wenige Meter vom Johannesburger Ellis-Park-Stadion findet jeden Sonntag ein Gottesdienst der Shembe-Kirche statt, die alttestamentarische Elemente mit traditionellen afrikanischen Riten mischt und daher während der Apartheid verboten war. Die Shembe-Jünger benutzen für ihre Messen eine überlange Vuvuzela aus Metall, die sie imBomu nennen. „Lange bevor es die Vuvuzela gab, haben wir die imBomu erfunden. Damit ehren wir unseren Gott Shembe und treiben unserer Gemeinde die bösen Geister aus“, hat Pastor Xaba vor Beginn der Messe erklärt. Böse Geister – sie können in Gestalt von Krankheiten, Unglück oder verschossenen Elfmetern über die Menschen kommen. Und während alle Welt sich fragt, woher der prägende Krachmacher dieser WM eigentlich stammt, hat Pastor Xaba, der unter seinem weißen Gewand ein paillettenbesetztes schwarzes Hemd trägt, die Antwort parat: Er glaubt, dass die Vuvuzela eine Weiterentwicklung der imBomu ist. Außer gegen böse Geister kommt das Blasinstrument auch bei der jährlichen dreitägigen Prozession auf den heiligen Berg Nhlangakazi in der Nähe von Durban zum Einsatz. Den Berg besteigen die zähen Shembe-Jünger barfuß.

Während er singend und predigend durch das Gemeindezentrum tanzt, schreit eine Frau aus der zweiten Reihe laut auf. Stöhnend erhebt sie ihre Hände, umklammert ihren rundlichen Körper und windet sich auf dem Boden. Weitere Frauen umringen sie, schleppen sie routiniert an Armen und Beinen zu einem milde lächelnden Pastor Xaba. Jemand reicht der Frau einen roten Plastikeimer, in den sie sich sofort ausdauernd übergibt. Immer mehr Frauen kollabieren, es sind vielleicht 20, die nebeneinander und übereinander auf dem Betonboden liegen – ein unüberschaubares Gewirr von Körpern, roten Plastikeimern und Spucktüchern.

Wenige Minuten später treten bärtige Männer aus einem Nebenraum. Sie positionieren sich neben die Frauen, die sich inzwischen in Trance gestöhnt haben, setzen die imBomus an und pusten aus voller Kraft hinein. So laut muss es im Maschinenraum eines Schiffes sein. Die metallene Röhre vermag die Wucht des Klangs noch zu steigern, und das Frauenknäuel schreit, so laut es kann. Am Ende spülen die Männer ihre imBomus mit klarem Wasser aus.

Die Shembe-Kirche, die es seit 1912 gibt, predigt Versöhnung und Frieden. Trotzdem haben ihre Führer einen Anwalt engagiert, der ihre Erfindung schützen soll. „Wir schließen alle Menschen in unsere Gebete ein“, sagt Pastor Xaba. Esther Kogelboom

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