WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Unmittelbar nach dem Spiel bekam ich eine SMS mit nur einem Wort: „Robbed“. Beraubt, bestohlen. Sie war von einem Handy mit der Vorwahl +61 verschickt worden. Australiens kollektive Reaktion auf das Achtelfinal-Aus gegen Italien bei der WM in Deutschland, gebündelt in einer zornigen Textnachricht eines australischen Kumpels.

Grund des Volkszorns: Ein lachhafter Elfmeter in der letzten Minute, geschunden von einem fallsüchtigen Italiener. „Alles, was wir an diesem Sport schon immer gehasst haben, wurde an diesem Tag bestätigt“, sagt mir der Absender später. Die Australier geben sich seit Jahren Mühe, den Fußball in die Reihe ihrer Nationalsportarten aufzunehmen, ihn auf eine Stufe mit Rugby, Cricket und „Aussie Rules Football“ zu heben, einer ungeschützten Rasenschlägerei um ein Leder-Ei – doch der Fußball macht es den Menschen vom fünften Kontinent nicht leicht.

Auch am Sonntagabend nicht. Wieder ist Australien bei der Fußball-WM dabei, wieder stellen sich die Menschen zwischen Perth und Sydney den Wecker, um mitzufiebern. Und wieder kommt eine bittere SMS aus Down Under.

„Habt ihr vielleicht ’nen Torwart übrig?“, schreibt mein Kumpel Rogan nach einer halben Stunde Spielzeit. Durch Kloses 2:0 ist das Spiel so gut wie entschieden. In Ballarat, 120 Kilometer nordwestlich von Melbourne, wo Rogan das Spiel mit seinen Eltern verfolgt, ist es fünf Uhr am Montagmorgen. „Selbst mein Papa ist mit seinen 78 Jahren mit aufgestanden!“ Ob der Fußball in diesen Tagen der Australier liebstes Kind sei, frage ich ihn am Tag darauf. „Ja, definitiv“, sagt Rogan, „wir haben vier Jahre darauf gewartet zu zeigen, was wir können.“ Die Erwartungshaltung sei diesmal noch größer, sagt er. „Bei der letzten WM waren wir froh, dabei zu sein. Diesmal haben wir auf jeden Fall mit der zweiten Runde gerechnet.“

Hunderttausende fiebern beim Public Viewing und vor den heimischen Geräten mit – und wieder wird eine Nation enttäuscht. Kurz nach der Pause köpft Richard Garcia den Ball Per Mertesacker an den Arm. Kein Elfmeter, sagt der Schiedsrichter. Erinnerungen an das Italienspiel werden wach. Die Ironie der erneut Beraubten lässt nicht lange auf sich warten. „Ach so, man darf die Hände doch benutzen?“, kommt von Handy zu Handy über die Kontinente geflitzt.

So ganz können die Australier nicht von ihren Klischees über diese für sie immer noch weiche, fremde Sportart lassen. Im prompt übermittelten Wortlaut des australischen Fernsehkommentars klingt das dann so: „Über Schweinsteiger wissen wir, dass er sich beim geringsten Kontakt fallen lässt.“

Am Tag danach sind die Analysen dagegen andere. „Leider haben wir die gleiche Mannschaft wie in Deutschland, nur sind jetzt alle vier Jahre älter“, sagt Rogan. „Der Unterschied zu den Deutschen war so groß, das war nur peinlich.“

In den Frust mischt sich aber schon Kampfesgeist. „Wir gewinnen einfach die nächsten zwei Spiele“, erklärt der wackere Fan der Socceroos, „dann ist alles in Ordnung.“Johannes Ehrmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar