WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Langsam senkt sich die Abendsonne über Beirut, auf der Terrasse des Cafés Al-Rawda sitzen ein paar Familien und genießen die Abendstimmung. Der Rauch von Wasserpfeifen steigt in die Luft. Ein ganz normales arabisches Kaffeehaus.

Und doch ist etwas anders als in Kairo oder Damaskus. Denn wie alle anderen Restaurants, Cafés und Kneipen in der Stadt ist das „Shatila“ dieser Tage im WM-Fieber: mit zahllosen Fahnen und mehreren Riesenbildschirmen. Auf der Terrasse saust ein kleiner arabischer Ballack in voller WM-Montur auf seinem Roller herum. Er allerdings ist topfit.

Kaum ein anderes arabisches Land dürfte das Turnier so engagiert mitfühlen wie der Libanon. Schon im Flieger nach Beirut ging der Wahnsinn los. Neben mir saß George, ein libanesischer Geschäftsmann im feinen Anzug. Er hatte zwei Blackberrys in der Hand und geschätzte drei weitere in seinem Aktenkoffer. Zunächst gab er sich seriös-reserviert, doch als ich beim Essen das Thema Fußball anschnitt, taute er in Rekordgeschwindigkeit auf. Seine Augen begannen zu leuchten wie die eines kleinen Jungen: „Ich liebe deutschen Fußball! Ich gucke jede Woche die Bundesliga!“ Dann analysierte er kennerisch die deutsche Mannschaft. „Schade mit Ballack, aber Khedira ist ein Riesentalent.“ Über den Fußball, sagte George, habe er sich sogar ein bisschen Deutsch beigebracht. Mit einer Handvoll Vokabeln bereitete er mich darauf vor, dass mich in Beirut ein riesiges Fahnenmeer erwarten würde. „Und mindestens 50 Prozent“, sagte er auf Fußballdeutsch, „sind schwarz-rot-gold.“

Und tatsächlich, schon an der Hauptstraße in die Stadt hängen Tausende von deutschen Fahnen: Von den Balkonen, an den Laternen, vor Restaurants und Bars, in allen Straßen. Autofahrer haben sich in liebevoller Kleinarbeit die deutschen Farben auf die Motorhaube gemalt, Mopeds und Motorräder wirken wie fahrende DFB-Fanshops. In dem vom Bürgerkrieg geplagten Land sind Fahnen mit politischen oder religiösen Botschaften nichts Besonderes. Aber in diesen Tagen zeigt der Libanon ganz friedlich Flagge – für Schweini, Poldi, Jogi.

Sogar die Fahnen der schiitischen Hisbollah-Miliz wehen einträchtig neben der deutschen. Auch brasilianische und spanische sind zu sehen. Überhaupt: Spanien. Die Flaggen sind neu dazugekommen, seitdem Spanien bei der EM 2008 endlich einen großen Titel geholt hat. Die Libanesen unterstützen die erfolgreichen Mannschaften – auf der Gewinnerseite lässt es sich besser feiern. Entsprechend ist auch Brasilien ein recht beliebtes Team, schließlich hat die Seleção schon fünf Titel gewonnen.

Ob nun Brasilien, Spanien oder Deutschland: Hier hat jeder eine klare Meinung, wer Weltmeister wird. Alle Taxifahrer antworten wie aus der Pistole geschossen. Nur einer zuckt bei der Frage die Schultern. „Mich interessiert Fußball überhaupt nicht.“ Ich staune. Gar kein Favorit für die WM? „Nein, ist mir egal. Aber meine Frau, die ist völlig fanatisch!“ Und wen unterstützt eine fanatische Libanesin? „Deutschland. Die Fahne hat sie schon vor unser Haus gehängt.“

René Wildangel

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